Meine Freundin, die Armee

Zünder: Jyoti Guptara, zwanzigjähriger Schriftsteller, schreibt im Tagi eine Kolumne über seine RS.

Der äusserst originelle Name der Kolumne: Feldpost. Ich könnte mir vorstellen, dass es solche Kolumnen mit genau diesem Namen und demselben irrelevanten Inhalt schon zuhauf gegeben hat. Zugegeben, mein Gefrotzel ist ein bisschen gemein. War ja erst der Prolog. Vielleicht schreibt der gute Mann ja noch etwas, das mir mehr zusagt. Wobei ich nicht den Eindruck habe, dass ein Blick von aussen Teil des Konzeptes dieser Kolumne sein soll.

Also weitermotzen. Oder zumindest einmal den anderen Blick ergänzen. Dieses persönliche Erlebnis-Gequatsche über das Militär ruft mir die Geschichten meines Opas in Erinnerung. Die Zeit im Dienst mag sehr intensiv sein, doch was soll das rechtfertigen? Kolumnen? Mitleid? Das Militär?

Streitkräfte dürfen kein Selbstzweck sein. Mit der ach so tollen Zeit, guten Kameradschaft, Erlebnissen und besonderen Erfahrung wird das Militär zu einer sinnvollen Angelegenheit heraufstilisiert. Mit denselben Argumenten könnte ich auch Erdbeben, Tsunamis, Drogen oder Bungeejumping mit zu langem Seil bejubeln.

Das Ziel des Militärs ist nicht, jungen Männern einschneidende Erlebnisse zu bieten oder Dogmata überalterter oder pauschal von Freiheitsentzug begeisterten Politikern gerecht zu werden. Das könnte man auch billiger und unter einem anderen Motto als dem der gegenseitigen Zerstörung haben.

Aber genug der polemischen Worte, meine Meinung ist kundgetan und welchen pazifistischen Überzeugungen die entstammen, sollte mehr oder weniger ableitbar sein. Gehen wir über zur Realität, die anscheinend einigen Leuten im Parlament nicht bewusst ist.

Der Infotag. Ein Tag lang reden Wichtigtuer vom Dienst (Wortspiel, höhö), zeigen Filme, wie cool das doch ist im Militär, prahlen mit der Ausrüstung (die zugegeben echt gut ist und teuer, aber egal – das fällt dann ja auch nicht mehr ins Gewicht), sprechen einen mit „Manne!“ an, erklären, wie man die Formulare ausfüllen muss. Jede Stunde gibt es Sandwiches und Kaffe oder Cola. Zivildienst und Zivilschutz werden 10 Minuten von vier Stunden eingeräumt. Am Schluss Essen im Restaurant. Switzerland needs you. Tolle Werbeveranstaltung.

Die Aushebung. Ein Massenanlass, wie ich sie liebe. Fast schon kommunistisch, sowas. Sporttest, Psychotest, medizinische Tests, und ganz viel warten. Um am Nachmittag des zweiten Tages vom Herr Arzt als untauglich eingestuft zu werden, weil ich dummerweise so ehrlich war, gegenüber der Psychologin zu erwähnen, dass ich nicht ins Militär gehen wolle und Zivildienst leisten möchte.

Dazu muss man wissen: Es gibt drei Kategorien:

  • Militärdiensttauglich
  • Militärdienstuntauglich („UT“), aber zivilschutztauglich
  • ganz UT

Nur wer militärdiensttauglich ist, kann Zivildienst leisten. Nach 10-jährigem Ringen haben die Konservativen nachgegeben und ab 1996 war ein „Ziviler Ersatzdienst“ für Leute mit „Gewissensproblemen“ möglich. Seit der Hürdenlauf einer Begründung und Erklärung vor einer „Gewissenskommission“ (!) auf den ersten April dieses Jahres abgeschafft wurde, sind mehr Gesuche eingegangen als im gesamten letzen Jahr.

Das Absurde am Ganzen: Man muss zuerst ins Militär eingeteilt werden, um Zivildienst leisten zu können. Wer z.B. 7 Dioptrien hat oder so einen Arzt als Endgegner an der Aushebung wie ich, hat Pech gehabt – oder er erhebt Einspruch, hat das Glück, vor einen jungen Arzt zu kommen und sagt „Ich fühle mich tauglich und mache eh Zivildienst“, der legt das praxisnaher aus und innerhalb von fünf Minuten bist du wieder drin (zum Glück ist mein Nachname so weit vorne im Alphabet).

Wenn du gar nicht ins Militär willst, gibst du an, Drogen zu nehmen oder machst einen auf Psycho – und schupps, ist der gesundeste Mensch untauglich. Diese Kategorie war früher Leuten mit Behinderungen vorbehalten, die den Dienst wirklich nicht leisten können. Doch die Leute vom Militär haben wohl eingesehen, dass es nichts bringt, jemanden zu zwingen – zumal sie aussuchen können, weil der aktive Truppenbestand fünfmal kleiner ist als vor 20 Jahren (!).
In den 80er-Jahren lag die Diensttauglichkeitsrate (was für ein Wort) bei ca. 85%, heuer noch bei 65%. Und jetzt soll mir einer sagen, die Leute seien eben kranker geworden.

Ach ja, und wer gänzlich untauglich ist, muss ein paar Lohnprozente an den Staat abdrücken. Auch wenn er beispielsweise Diabetes hat. Gleichzeitig kann der Staat die Leute gar nicht brauchen und schreibt auch gerne mal einen Tauglichen, der nicht willig ist (was für den Betroffenen natürlich schön ist, aber die Absurdität des Systems ganz schön zeigt), untauglich. Diese Praxis wurde vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt.
Neben diesen Inkonsequenzen eines zerfallenden Systems haben wir unschöne Vorfälle mit Schusswaffen, Pfeffersprays, in den Bergen Verschollene und Ertrunkene – und natürlich die Legitimationsfrage. Wofür das Ganze? Geistige Landesverteidigung?

Ich sehe dem langsamen Sterben des Militärs mit Entzücken zu und frage mich: Wie wäre es mal mit einer Grundsatzdiskussion? Wo die Ewiggestrigen mal das Budget von mehr als 4’000’000’000 Franken pro Jahr verteidigen? Bei der die Wehrpflicht, mit der die Schweiz in Europa mehr und mehr alleine dasteht, grundsätzlich hinterfragt wird, weil sie, wie aus den oben geschilderten Episoden deutlich wird,

  • nicht mehr der Realität entspricht (welche Aufgaben übernimmt das Militär in Friedenszeiten?)
  • dafür sauteuer ist
  • und unfair (Was ist eigentlich mit den Frauen?)

Mein Vorschlag: Ein kleines, effizientes Berufsmilitär.

Und zum Abschluss noch Sven Regener: „Die Wehrpflicht ist ein Zwangssystem, und beraubt die Wehrpflichtigen wesentlicher Freiheitsrechte. Man braucht gute Argumente, um Menschen ihre Freiheit zu rauben. Das kann man nicht einfach nur machen, um Geld zu sparen. Oder – schlimmer noch – um irgendwelche Erziehungsziele zu verfolgen.“

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Eine Antwort zu Meine Freundin, die Armee

  1. Roland Mc Donald schreibt:

    Super Artikel, schön gibt es noch „Manne“ die gleich übers Militär denken wie ich.

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