Die SP und die Selbstfindung (ganz konkret plus ein bisschen Bashing)

Die SP lancierte eine Umfrage im Internet, welche Volksinitiative sie angehen solle.

Mal abgesehen davon, dass ich das neue Konzept, das Volk einzubinden, für eine billige Anbiederung halte, wie sie die Schweizer SP so gut kann (Sicherheitspapier, Wir-sind-auch-grün, Wir-sind-auch-Volkspartei und inahltlich: wo ist die SP in den letzten Jahren aufgestanden, hat sich hingestellt und gesagt: so nicht!, sich den Arsch für ihre Prinzipien aufgerissen?), kann man ja trotzdem mal dazu was sagen. Weil, ist doch nett, wenigsten zu versuchen, eine nicht nur polemische und populistische Politik ins Volk zu tragen (obwohl, polemisch ist diese Art von Politik per se). Im Gegenteil zu den eigenen Bekräftigungen und der sich vorgespielten Selbstwahrnehmung finde ich zwar sehr wohl, dass die Abstimmung eine Bankrotterklärung ist. Aber lassen wir das. Dagegen sein ist schliesslich genauso anbiedernd und ich will mich auch nicht als oberste Instanz inszenieren, was die Beurteilung des Gestus der SP betrifft.

Ich bin für „Initiativprojekt 3: Die Gesellschaft modernisieren – Elternurlaub für Mutter und Vater“. Meine Überlegung: Die SP soll sich endlich mal ein Thema schnappen und beackern und etwas vorwärts bringen. Nicht wieder irgendein Fail, ein ewiges Hinundher, noch ein bisschen mehr Lohn (klar profitieren zu wenig Leute vom Wohlstand in der Schweiz, doch das wird kaum etwas daran ändern), ein bisschen mehr grün (Da haben wir’s. Überlasst das Stimmung-Anheizen einfach den Grünen.), Steuerpolitik ein bisschen mehr auf die andere Seite ziehen (ja, Steuerpolitik ist ein Kernthema, aber für eine Profilierung?), an der AHV ein bisschen rumdökterlen (ging gerade schon mal schief, aber wenigstens mit 41% – da könnte man ja nochmals punkten…).

Eine liberale Gesellschaft ist ein Thema, bei dem die SP gute Karten hat und sich profilieren kann. Wo ist die SP stark? Genau: In den Städten. Weil die Gesellschaft da fotschrittlicher und aufgeschlossener gegenüber „moderner Lebensgestaltung“ ist. Die SP war auf Seite der Homosexuellen, hat nach zehn Jahre Blockade durch den konservativen Block, der gedanklich noch irgendwo bei der Landesverteidigung gegen einen imaginären Feind war (und ist), den Zivildienst durchgesetzt, hat einen guten Umgang mit der Kultur gefunden (Kultur ist wichtig für „den Stadtmenschen“ und bekommt darum Steuergelder, Alternativkultur wird geduldet bis unterstützt, weil sie für nicht zu vernachlässigende Schichten ein wichtiger Raum ist, siehe z.B. gerade Unterstützung des „Pro Progr“ in Bern) und vielleicht werden sie dann auch mal tschäggen, dass Ladenöffnungszeiten sich nicht mehr an gottgegebene Wocheneinteilungen halten.

Darum: Elternurlaub für beide Elternteile und damit Angriff auf die konservativ-verlogene Familienmoral, wo die Frau zwar alles auch darf, aber wenn es ihr schwer gemacht hat, sie halt selbst schuld ist. Der Anstoss für eine zeitgemässe Regelung. Und endlich mal ein neues Thema. Denn die Zeiten, als die Moralpolizei Zahnbürsteli untersuchte in Singlehaushalten, WGs des Teufels waren, lesbisch sein mal gar nicht ging, die Mütter zu Hause warteten und alle zwei Kinder hatten (ausser die, bei denen es eben nicht ging, und die Armen, und die nicht Rechtschaffenen, und die Behinderten, und die Emanzen, und das übrige abnormale Pack), die Zeiten sind vorbei. Und die Zeiten, die sie abgelöst haben, fordern ihren Tribut. Eine Anpassung der Politik an die Realität, besser noch: Eine Prise Vision. Die Vision, dass es viele Lebensgestaltungsmöglichkeiten (buaaaah, was für ein Wort. LGMs!) gibt und Traditionen hinterfragt werden dürfen.

Warum das nötig ist? Weil allenthalben noch ein Familienmodell, das die Familie mit arbeitendem Mann, Kindern und Frau, die diese erzieht und den Haushalt erledigt, immer noch der Default-Wert ist. Zur Erinnerung: Die Diskussion über Partnerschaft steht noch bei „eine Ehe pro Leben ist normal“. Das ist zwar ein anderes Thema aber für mich dieselbe Traditionalistenkiste. Wie auch die Tradition Militär. Darum Deckel drauf und nichts differenzieren.

Wenn sich die SP also als sozialliberale und progressive Partei versteht, böte sich hier endlich mal ein Ende des Seils, das sie nur noch nehmen und dran ziehen müsste. Und der ganze andere Kram, Geschlechter- und Familienbilder, kämen gleich mit. Das gibt ein Fest.

Aber natürlich müsste die SP dann mal hinstehen und Courage zeigen. Ein modernes Familienbild verteidigen und nicht Angst davor haben, wegen Fortschrittlichkeit verurteilt zu werden und Angriffsfläche zu – ach, vergessen wir das.

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