Nachrichten

Eintrag im Etymologie-Duden zu Nachricht:

Das seit dem 17. Jh. gebräuchliche Wort […] bedeutete […] zunächst „das, wonach man sich zu richten hat, Anweisung“. Dann wurde es im Sinne von »Mitteilung (die Anweisungen enthält), Botschaft, Neuigkeit« gebräuchlich.

Im Folgenden folgen Es folgen ein paar grundsätzliche Überlegungen über „die Medien“, v.a. Zeitungen, und da insbesondere zum Tagi, aus dem aktuellen Anlass des morgigen Relaunches (nenn‘ ich jetzt mal so).

Seit der Erfindung der Zeitung gab es grundlegende Veränderungen. Ja, Internet, Informationsgesellschaft, blabla. Der Punkt ist: Wir sind an einem Ort angelangt, wo wir das essentielle Weltgeschehen sogar mitbekommen, ohne dass wir uns darum kümmern. In einem globalen Massstab. Gibt es einen Menschen, der nichts von 9/11 mitbekommen hat? Die Resultate der gestrigen Wahl in Deutschland?

Die Zeitungen haben darauf geantwortet. Ihre Rolle als Vermittler von Neuigkeiten ist hinfällig. Und so haben wir immer mehr Medien, die Nachrichten nur noch als Unterhaltung präsentieren. Wissenschaft: „Joggen macht Krebs.“ IT: „Das iPhone bald in pink!“ People (bezeichnenderweise): der Johnny und die Patrizia fanden die Vernissage „voll cool, mit so Bilder in verschiedenen Farben“.

Das ist alles okay. Nur darf man diesen Trash nicht als relevant missverstehen. Lesen zur Unterhaltung und Lesen, um angeregt zu werden, sind zwei paar Schuhe.

Medien haben eine gesellschaftliche Dimension. Wahrheiten werden über die Medien in der Gesellschaft thematisiert. Du brauchst, wenn du etwas kritisierst, auch wenn du Beweise hast und die Fakten für dich sprechen, Medienpräsenz. Weitergedacht: Ist es demnach unverantwortlich, Nachrichten über Verfehlungen eines Grosskonzernes unter Spekulationen über den Verlauf eines Fussballmatches zu begraben? Haben die Medien, weil sie so grossen Einfluss haben, auch Verantwortung? Sind sie schuld? (Woran eigentlich?)

Ich persönlich fühle mich von einer Zeitung verarscht, die nur noch Agenturmeldungen abdruckt ohne Kontext. Mein Beispiel ist da immer der Artikel über Wahlen in Schottland über ca. 1/4 der Seite, in der dem Aufstieg der Scottish National Party viel Platz gewidmet war, jedoch ohne den Hinweis, was dies für eine Partei ist – nämlich keine rechtsextreme, wie man annehmen könnte. Dieses Faktenwichsen ist total nutzlos.

Informationsbewerfung um der Information willen – von weitem sieht’s aus wie Fleisch, in Wahrheit sind’s nur Knochen. Die Vorspiegelung von Relevanz (worüber ich ja auch schon genölt habe, in einem anderen Zusammenhang). Solche Zeitungen will ich nicht lesen müssen.

Der Tages-Anzeiger probierte schon bis anhin, einen anderen Weg zu gehen. Chefredaktor Res Strehle hat begriffen, dass es für pure Informationen das Internet gibt – und die Tageszeitung den Kontext liefern muss. Morgen wird alles neu – verteilt. Mehr Hintergründe, mehr Kontext, mehr Interviews, mehr Meinungen, mehr Experimente. Und weniger News.

Nur: Wie kann Res Strehle unentwegt von hintergründigem Journalismus reden und gleichzeitig ein Viertel seiner Mitarbeiter entlassen? Braucht man für dafür nicht gerade Leute, die sich mit einem Thema richtig gut auskennen? So etwas wie AuslandskorrespondentInnen zum Beispiel? Aber die will sich die zweitmeistgekaufte Tageszeitung der Schweiz immer weniger leisten. Klartext prangert an, Res Stehle zieht sich auf Diplomatie zurück: „Parolen wie jene vom «Dreivierteltagi» sind aus meiner Sicht unberechtigt und schaden dem «Tages-Anzeiger»“ – Der Tages-Anzeiger, das Produkt.

Böse Zungen (ich) könnten dem Tages-Anzeiger bzw. Tamedia auch vorhalten, bei anderen Kernbereichen wie dem Online-Journalismus a.k.a. Newsnetz (gemeinsame Tamedia-Plattform von Tages-Anzeiger, Der Bund, Berner Zeitung, Basler Zeitung, Thurgauer Zeitung) zu sparen, das doch auch ein Prestige-Projekt sein soll, aber anscheinend nicht genug Geld hat, um die Artikel durchlesen zu lassen (vgl. Bild (GDP oder BDP?) oder die Kommentare unter diesem Artikel)

Bildschirmfoto 2009-09-03 um 22.07.05.png

Und dann die Aufmachung! Ich kann’s nicht mehr sehen, die ganze vakuumgefüllte Vorspiegelung von Journalismus auf Newsnetz, dessen Überschriften man ansieht, wie sie auf Klicks zugeschnitten sind und deren Standardtonfall sich im Bereich von „Oh, ein Skandal! Ein Skandal! EIN SKANDAL!“ bewegt. (Das mit diesem Online-Journalismus scheint ja 20min am besten im Griff zu haben, was mich nur auch nicht wirklich anmacht, weil die Titel da genauso reisserisch sind).

Wieder mal ein Zitat, und wieder mal aus der WOZ, denn da regt sich Herr Ryser über dasselbe auf („Wo seid ihr alle?„):

Lange Artikel am Bildschirm zu lesen, ist sowieso nicht meine Sache. Aber diese langen Artikel will ich lesen! Und zwar auf Papier, am liebsten am Frühstückstisch während meinen drei Morgenkaffees. Oder abends. Am Wochenende.

Ja! Ich scheiss drauf ob das elitär ist. Ist es besser, das zu bringen, wo alle Instinkte befriedigt werden (höhö, witzig, höhö, sexistisch), und zwar auf eine Weise, dass man möglichst nicht nachdenken muss und schon gar nicht das eigene Weltbild reflektieren? Der kleinste gemeinsame Nenner (echt?). Das wollen die Doch, die Zuschauerzahlen gehen rauf (soso).

Gebt uns Relevanz, gefälligst!

Ich hab mir ein Tages-Anzeiger-Probeabo zugelegt. Mir gefällt der Tagi schon jetzt nicht schlecht, v.a. der erste Bund und das Tagimagi, dieses Samstagsheftli über Lohas, ihre Probleme und ihre Sicht auf die Probleme der anderen. Und ich bin echt gespannt, was morgen auf uns zu kommt und hoffe sehr (sehr!), dass der Tages-Anzeiger vermehrt auf Inhalt statt finanziellen Gewinn setzt, seine MitarbeiterInnen anständig behandelt, etwas aus seinem Internetauftritt macht, seine LeserInnen nicht wie Konsumenten, sondern wie interessierte Zeitgenossen behandelt und morgen bitte bitte nicht auf der ersten Seite einen Aufmacher zu Polanski hat. Allen anderen Zeitungen wünsche ich das auch.

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