Meine Freundinnen, die Krankenkassen

Es ist wieder die Zeit des Jahres, in der die Blätter von den Bäumen fallen und eine Entscheidung über die zukünftige Krankenkasse fallen sollte (ich spreche von der Grundversicherung). Es gibt zwar Auswahl, aber nicht so eine Auswahl wie im Möbelgeschäft, wo man sich zwischen verschiedenen Sofas aufgrund von Farbe, Form, Material und Machart entscheidet – sondern eine Auswahl, die sich konkret so manifestiert, dass man zu Comparis (oder besser zum Ktipp) surft und dort nach Eingabe der persönlichen Daten eine Liste von mit Zahlen ausgespuckt bekommt.

Mein Problem damit: Wie suche ich jetzt die beste Krankenkasse aus? Es gibt keine offensichtlichen Kriterien wie beim Kauf eines gepolsterten Sitz- und Liegemöbels. Den einzig verlässlichen Anhaltspunkt, den ich habe, ist der Preis. Die Bewertungen von drei Fremden (die genau so gut von einer Kasse bezahlt sein könnten) und die Selbstpräsentation der Kassen auf deren Websites zählen nicht als verlässliche Indikatoren.

Ich habe Bekannte gefragt, doch nicht einmal die Ärztin konnte mir einen Rat geben. Es kommt mir vor wie Benissimo, ein bisschen persönliche Abneigungen und Sympathien aufgrund von wenigen eigenen Erfahrungen, doofen und besseren Werbungen und Allgemeinplätzen wie „wenn das so billig ist, sparen die doch bestimmt bei der Hotline“ werden in einen Topf geschmissen, neben dem ein grinsender Philipp Stähelin als Glücksfee steht.

Oder vielleicht verhält es sich wie mit Bluewin und Cablecom: Schnellere Leitung oder keine Komplikationen. Vielleicht ist es wie Sunrise vs. Swisscom: billig vs. kompetent. Nur geht es nicht um Sofas oder ADSL, das hier ist crucial (gibt es dafür ein deutsches Wort? Wenn es nicht bis morgen untendransteht, sehe ich meine Faulheit, eine andere Formulierung zu suchen, für gerechtfertigt an – oder aber ihr, liebe LeserInnen, wenn es euch denn gibt, seid genauso faul). Das macht mir Angst. Ich will keinen Fehler machen. Aber ich fühle mich schlichtweg zu schlecht informiert, um eine vernünftig begründbare Entscheidung zu treffen.

Aber, sage ich mir dann, aberaber, mein Lieber, sage ich mir, und tätschele meinen eigenen Kopf, in der Grundversicherung ist ja eh immer dasselbe.

Nur: warum wird denn an dieser Stelle ein Wettbewerb simuliert? Zumal die meisten mit der Gesundheitsversorgung verworrenen Ebenen eh beim Staat liegen: die finanzielle Planung, die Gesetze, die Spitäler. Nur die Versicherung wird nicht über den Staat abgewickelt. Warum nur?

Gesundheit ist kein Produkt. Ich will nicht, dass damit Geld gemacht wird. Dass mit meinen Prämiengeldern Werbung finanziert wird. Abstimmungskämpfe. Vermittlungspauschalen für Comparis. Eine duzendfach parallele Bürokratie. Managergehälter. Und Profite von Firmen.

Der Wettbewerb hat bis jetzt überhaupt nichts gebracht. Die Kosten steigen weiter. Wie sollen sie auch nicht – der ganze Kuchen, der bezahlt sein will, wird ja sowieso vom Staat gebacken, die Kassen haben fast keinen Einfluss darauf (sie können höchstens versuchen, die PatientInnen von den Ärzten fernzuhalten). Nur die Verteilung der Stücke und die Bezahlung wird über private Firmen abgewickelt – eine völlig unnötige Zwischenebene. Der Wettbewerb ist eine einzige Farce, wenn man diese intransparente, verunsichernde Anordnung überhaupt als Wettbewerb bezeichnen kann. Das ganze dient nur dazu, dass auch die Privatwirtschaft noch ein bisschen Profit machen kann (und woher kommt der wohl?).

Wenn auch das dänische System (beispielsweise) nicht das Paradies ist, als das es zuweilen dargestellt wird, so ist es doch um Längen besser (mindestens siebzehn 50-Meter-Längen) als das von immer mehr marktfixierten Ideen durchsetzte Schweizer System (der Markt ist gut! Wettbewerb richtet alles! Konkurrenz bringt Effizienz!).

Um zu merken, dass marktwirtschaftliche Ansätze beim Gesundheitssystem am falschen Ort sind, braucht man keinE ExpertIn zu sein – Gesundheit ist doch keine ökonomische Grösse! Das Parlament ist von der marktbeschwörenden Gesundheitslobby durchsetzt, die sich (per definitionem) mehr um ihre Profite als um das Wohl aller sorgt, das System ist teuer und die Prämien steigen, wir alle finanzieren einen Wettbeweb, wo einfach keine Einsparungen zu holen sind, und eben: die Profite der Kassen stammen aus unseren Prämien (ich hab gedacht, wenn ich das noch ein drittes Mal bringe, wirkt es noch skandalöser und lässt alle LeserInnen dieses Beitrags wütende Blogposts, Tweets und Briefe absetzen).

Und noch etwas: Der nächste, der Eigenverantwortung sagt, kriegt von mir… Einen ganz, ganz bösen Blick, eine Beschimpfung unter die Gürtellinie und lebenslängliche Verachtung.

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