Mein Brief an den Nationalrat Hans Fehr

Hans Fehr, seines Zeichens AUNS-Geschäftsführer, ist besorgt über den Zustand des Militärs und macht nun auch die vereinfachte Zulassung zum Zivildienst dafür verantwortlich. Das liest sich dann so:

Nachdem seit dem 1. April 2009 der blosse „Tatbeweis“ für die Zulassung zum Zivildienst genügt und keine Gewissensprüfung mehr abzulegen ist, sind bis heute, in weniger als einem halben Jahr, rund 2500 Gesuche eingegangen, die aufgrund der Rechtslage praktisch alle bewilligt werden müssen. Dies entspricht gegenüber dem ganzen (!) Jahr 2008 einer Zunahme von gut 25 Prozent.

Welche konkreten Massnahmen sieht der Bundesrat vor, um diesen Missstand zu beheben, der – neben dem „blauen Weg“ – die Wehrgerechtigkeit in gefährlicher Weise untergräbt und dem Drückebergertum Vorschub leistet?

Sehr geehrter Herr Fehr

Anfang Juni haben Sie im Nationalrat unter dem Titel „Massenflucht in den Zivildienst“ eine Frage eingebracht. Sie bezeichnen darin die vereinfachte Zulassung zum Zivildienst als „Missstand“ und Zivildienstleistende pauschal als „Drückeberger“.

Es ist nicht so, dass mich ihr reaktionäres Weltbild noch schockieren würde, aber überrascht bin ich dennoch, würde man doch von einem Nationalrat etwas mehr Respekt gegenüber verschiedenen Ansichten erwarten, denn hey, das ist Demokratie: die Einsicht, dass es nicht nur die eigene Wahrheit gibt.

Stattdessen hetzen Sie gegen all jene, die wie ich nicht in ihr Bild von Normalität passen. Vielleicht sollten Sie sich einmal fragen, warum der Militärdienst nicht sonderlich populär ist. Vielleicht, weil es weit und breit keine (nicht konstruierte) Bedrohung für die Schweiz gibt? Vielleicht, weil das Militär für Konfliktbewältigung durch Waffengewalt steht und sich in der Rolle der Festung von „traditionellem“ Gedankengutes gefällt? Vielleicht, weil viele junge Männer einfach mehr Sinn darin sehen, Einblick in gesellschaftliche Realitäten zu gewinnen statt abgeschottet von der echten Welt für den Ernstfall zu üben?

Übrigens darf ich Sie darüber aufklären, dass ihre Vorstellung von „Wehrgerechtigkeit“ längst nicht mehr der Realität entspricht; das Militär hat einen um ein Vielfaches kleineren Truppenbestand als vor zwanzig, vierzig oder sechzig Jahren und braucht somit weniger Leute. An den Rekrutierungstagen sucht das Militär die gesündesten und willigen Personen aus. Das Militär in der aktuellen Form hat sich überlebt. Wenn Sie das zu verneinen suchen, kämpfen Sie gegen die Windmühlen des Fortschrittes (ja, ich erlaube mir, konfliktlösungsorientierte Ausrichtung als Fortschritt zu bezeichnen).

Da ich nicht davon ausgehe, dass sie Ihren Bunker der Ignoranz verlassen und Ihre Einstellung revidieren werden, bitte ich sie, zumindest die Querschüsse gegen all jene, die nicht Ihrem militärischen Ideal entsprechen, zu unterlassen. Ich empfinde Ihre Aussagen persönlich als verletzend und politisch als einer pluralistischen Demokratie unwürdig. Zivildienstleistende übernehmen meiner Ansicht nach mehr gesellschaftliche Verantwortung als Militärdienstleistende. Die Bezeichnung „Drückeberger“ ist in diesem Zusammenhang absolut fehl am Platz. Und sollten Sie ihren Horizont erweitern und den abhanden gekommenen Realitätssinn wiederfinden wollen, rate ich Ihnen, einmal eingehend mit Jugendlichen über das Militär zu sprechen, fernab von Allgemeinplätzen und Beschwörungen der positiven Seiten der Dienstzeit.

Freundliche Grüsse von einem, der sich davor drückt, töten zu lernen

(Meine Einstellung zum Militär ist übrigens in einem „Grundsatzpost“ verewigt.)

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