Wer wählt eigentlich rechts?

Ich bewege mich die meiste Zeit in Kreisen, wo sozialliberale Politik die Norm ist. Ohne darüber sprechen zu müssen, weiss man, dass die anderen mit Lobhudeleien auf die Wirtschaft, der allgemeinen Tendenz zu Überwachung, dem traditionellen Familienbild, der Einteilung von Menschen nach „Schweizer“ und „Ausländer“, militärischer Hochrüstung oder Todesstrafe nichts anfangen können (um nur einige Beispiele zu nennen).

Man ist nicht der gleichen Meinung, nein, beileibe nicht, an allen Fronten muss ich mein Weltbild gegen die Zweifel, die mir aufgetragen werden und die sich mir selbst stellen, abgleichen. Ob Frauen wirklich schlechter dran sind, heutzutage? Ob der Sozialstaat seine Berechtigung hat? Ob Religionen schon okay sind oder irgendwie eher nicht? Wie viel Ideale, wie viel Pragmatismus? Wie viel Intoleranz man tolerieren soll, ob auch reaktionäre Scheisse unter Meinungsfreiheit fällt, ob dies mit jenem gleichzusetzen oder zu differenzieren ist, ob ich solidarisch bin oder nur mein Gewissen beruhige und das kritisiere, von dem ich profitiere (bei ZynikerInnen ganz einfach mit Gutmensch betitelt – praktisch, so Schlagwörter, ersetzen die mühsame Zweiflerei).

Wo ist die mehr als die Hälfte der Gesellschaft, die so ganz anders ticken? Sind das alles alte Leute? Alles reiche Säcke? Alles Reihenhäuschenbewohnerinnen? Alles Zyniker? Alles Egoistinnen? Alles unreflektierte Landeier? Alles Protestwählerinnen? Alles Blödmänner?

Wählen sie rechts aus Überzeugung oder aus dumpfen Gefühlen? Wurden sie anders sozialisiert? Wo gehen unsere Meinungen auseinander, bei den Grundsätzen oder erst bei den daraus zu folgernden Massnahmen? Wollen sie Werte und Ordnungen erhalten, die in Frage gestellt werden, oder haben sie nur Angst vor Veränderungen? Oder glauben sie gar an Wahlversprechen?

Sehen sie sich selbst als rechts? Haben Sie ein Weltbild? Worauf baut das auf? Ist links Ideologie und rechts mehrheitsfähige Partikularmeinungen? Könnte man es so auf den Punkt bringen? Sind rechts und links wirklich so einfach fassbar?

Wer wählt eigentlich rechts?

Und warum?

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2 Antworten zu Wer wählt eigentlich rechts?

  1. Ronnie Grob schreibt:

    Mir ist es egal, was man als links oder rechts bezeichnet und ich wähle auch immer Personen und nicht Parteien. Ich halte nichts von Religionen wie zum Beispiel Katholizismus, Islam oder Buddhismus. Auch Nationalismus und andere Formen, die Aufgehen des Selbst in einer grösseren Gruppe feiern, sind mir fremd.

    Wenn man mich nun vor die Wahl stellt, ob ich eher Leuten meine Stimme geben will, die alle gleich machen wollen oder Leuten, die auf die Kraft des Wettbewerbs bauen, dann wähle ich letztere. Wenn das rechts sein sollte, dann ist es offenbar rechts. Was mich allerdings immer wieder erstaunt, ist das Unverständnis, das sich an dieser Haltung entzündet, gerade aus den Reihen von jenen, die sich selbst als Individuen sehen (Klammerwitz: „Ja, wir sind alle Individuen.“)

  2. Kim schreibt:

    Kollektivismus liegt mir ebenso fern. Die Frage ist, was man *gleich macht*. Wirtschaftsliberalismus (wenn ich „Wettbewerb“ nun richtig einordne) wirkt sich IMHO auf Lebensläufe gleichmacherischer aus als eine Umverteilung von reich zu arm und taugt somit nicht als Fortsetzung einer gesellschaftlich liberalen Haltung, weil er diese oftmals torpediert.

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