Von Gutgemeintem und Durchlauferhitzern

Studieren, um gut gerüstet zu sein. Für die Arbeit? Fürs Leben? Was ist das Leben? Was will man eigentlich im Leben, was willst du? Gehört studieren zum Leben oder fängt das Leben erst mit dem Beruf an?

Ist es erstrebenswert, in vier Jahren fertig, „studiert“ zu sein? Ist es erstrebenswert, LangzeitstudentIn zu sein? Wie wichtig ist Geld? Wie wichtig sind persönliche Erkenntnisse, und was kann die Uni dazu beitragen?

Ist es gut, viel zu tun haben? Muss das Studium weh tun, um gut zu sein? Ist es erstrebenswert, Musse zu haben neben dem Studium? Sind nur die erfolgreich, die schon arbeiten neben dem Studium?

Verdrängen ECTS-Punkte Reflexion? Geben sie nötige Struktur oder ermöglichen sie es, sich ohne dass es weh tut durch die Uni zu schlängeln? Wann ist ein Studium ein gutes Studium? Was ist die gesellschaftliche Aufgabe, die Studierenden vermittelt werden sollte? Schadet die Präsenz der Arbeitswelt während des Studiums oder motiviert sie?

Heute gestern habe ich mir ein Bild gemacht in der besetzten Aula der Uni Bern.

Ich bin zwiegespalten. Was ich sah, fand ich nicht toll. Aber vielleicht ist das mein persönliches Problem? Ein paar aufgeschnappte und persönliche Vorbehalte:

Vorbehalt 1: Die Protestierenden vertreten nicht die Studentenschaft.

In der Tat ist es nicht gelungen, grössere Kreise zu mobilisieren, und damit steht und fällt das Ganze. Nicht, dass es nicht legitim wäre – aber es entstammt eben nicht einer grossen Masse.

Interessanterweise hat die Studentenorganisation, die SUB, sich solidarisch erklärt, weil sie dieselben Inhalte und Forderungen auf dem institutionellen Weg vertrete. Und die SUB vertritt per definitionem und durch Wahlen legitimiert die Studentenschaft.

Vorbehalt 2: Die Protestierenden sind eine Minderheit.

Minderheiten sind oft genug verdammt richtig gelegen. Masse ist nicht das einzige Relevanzkriterium. Die Argumentation läuft darauf hinaus, dass etwas, das nicht von einer grossen Masse begrüsst wird, nicht gut sein kann. Aber gerade Minderheiten ernst nehmen zeichnet eine Demokratie aus.

Vorbehalt 3: Die Forderungen sind ideologisch und utopisch.

Wer Visionen mit dem Argument abtun will, dass sie viel ändern wollen, findet alles „schon gut, wie es ist, im Grossen und Ganzen“. Nein, so geht Fortschritt nicht.

Vorbehalt 4: Die Ernüchterung über die Art, wie es abgeht.

Der Modus, mein grösstes Problem. Ich weiss nicht, ob ich an zu vielen oder zu wenigen basisdemokratischen Runden teilgenommen habe, dass mir das Ganze so zum Hals raus hängt. Der legère Umgang mit der Zeit und das Aufquellen immer neuer Detail- und Metadiskussionen, ohne je einen Schritt weiterzukommen, muss das sein?

Ich klage nicht an, dass der Aufstand nicht schick-revolutionär daherkommt. Nur, das ganze Selbstverständnis wirkt auf mich ziemlich insider-mässig. Es gab da schon ein paar grandiose Wortäusserungen. Aber insgesamt kam mir das ganze ziemlich zäh rein und nicht die Mühe wert, sich damit abzugeben.

Wenn der Herr Rektor aufkreuzt, weiss man übrigens wieder, wo die Guten sind. Diese Schleimscheisserei, Verantwortung-von-sich-Weiserei*, des-Nichtverstehens-Bezichtigens und Arschkriecherei („das sag ich ja schon lange“), zusammengefasst wohl sowas wie „Rethorik“, gehen extrem auf den Keks.

*in diesem Verantwortung-von-sich-Weisen erkenne ich, am Rande gesagt, denselben Mechanismus wie in der Wirtschaft, wenn niemand verantwortlich ist, wenn ich bei der Hotline anrufe, niemand je schuld ist wenn die Weltwirtschaft serbelt, die unten hätten sollen oder die oben, aber nie man selbst.

Trotz aller persönlichen Vorbehalten erkläre ich mich solidarisch mit allen, die etwas vorwärts bringen möchten und dem Universitätssystem die Stirn zeigen.

Dass man als Druckmittel einen Raum besetzt, dünkt mich gut – das taktische Moment der Besetzung. Denn kein Mensch würde darüber reden, wenn sich die Diskussionen weiterhin innerhalb der SUB abspielen würden, die sich schon seit Jahren mit Hochschulpolitik herumschlägt.

Aber jetzt muss es um Inhalte gehen.

Ausgehend von zwei Sprüchen, die den Nagel auf den Kopf treffen:

„Wenn ich gross bin, werde ich Humankapital.“

Ich sehe bei vielen Mitstudierenden, wie alle den ECTS-Punkten nachrennen. Sinn gibt es jetzt in praktischen Beuteln! Juhee! Man muss sich nicht mehr überlegen, was einen interessiert, sondern wird zum Jäger und Sammler der ECTS-Punkte, um der Punkte willen. Lustigerweise kann man das auch aus Voten der Besetzenden lesen, z.B. „wenn ich einen Kurs an einer anderen Fakultät mache, kann ich mir das nicht anrechnen lassen! [Das kann doch nicht sein!]“

Und noch ein Kernpunkt, den ich auch mit Besorgnis beobachte: Die Ausrichtung auf die Wirtschaft. Sogar auf WG-Partys wird man noch vor der Motivation gefragt, was man denn später mit seinem Studium anfangen könne. Meines Erachtens bedeutet ein Studium vor allem Raum zur Reflexion und eingehenden Beschäftigung mit Dingen, die einen interessieren. Die Komponente „Ausbildung“ geht damit einher, kommt von selbst. Die Ausrichtung auf das Berufsleben wird meiner Ansicht und Empfindung nach zur Zeit viiiel zu hoch gewichtet.

„Reiche Eltern für alle“

Die Unis haben sich in der Schweiz zunehmend für den Mittelstand geöffnet – früher konnten nur die Reichsten ihre Kinder an die Uni schicken. In anderen Ländern hat sich der „Einzugsbereich“ der Unis sogar noch mehr ausgeweitet. Das ist begrüssenswert. Nur heisst das auch, dass die Leute, die an der Uni sind, einen anderen Hintergrund haben – also mehrheitlich nicht unendlich Geld. Die Antwort, die Bologna darauf gibt, ist, das Studium möglichst schnell zu absolvieren, um dann arbeiten zu gehen. Die Uni als Durchlauferhitzer. Nur wird damit die Essenz der Uni in Frage gestellt, Raum zu sein für Reflexion.

Die Abschaffung der Präsenzpflicht mag eine schön klingende Forderung sein, doch letztlich ist sie nur eine Reflexantwort auf die Ausbildungsuni. Vielmehr muss der ganze Komplex angeschaut werden. Die Frage ist doch: Wie kann man Raum schaffen? Raum für Gedanken, Kritik und Skeptizismus, eben das was eine Uni ausmacht(e). Und da geht es dann schnell mal ums Geld, um die Mechanismen im Stipendienwesen, die nicht Raum, sondern Abhängigkeit schaffen, um die steigenden Gebühren, um die vollen Stundenpläne und darum, dass es normal ist, nebenher zu arbeiten, aber dieser Fakt von der Uni ignoriert wird und alles auf Vollzeitstudium eingerichtet ist.

Darum meine Forderung: Raum schaffen!

Zum Weiterlesen empfiehlt der Blogchef: unsereuni.ch, Diskussion beim Journalistenschredder, Text von boeggsli

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11 Antworten zu Von Gutgemeintem und Durchlauferhitzern

  1. Monsieur Croche schreibt:

    Ich war gestern bei der Zürcher Besetzung mit dabei. Insbesondere Vorbehalt 1 kann ich bestätigen: Es kommt mir fast so vor, als wolle man sich nicht einer grösseren Masse öffnen. Es wurde zwar ein Live-Stream eingerichtet (http://www.ustream.tv/channel/unsereunizh), aber die Tonübertragung fehlt. Eine Mehrheit hatte irgendwie Angst, dass Medien oder der Rektor Gesagtes gegen sie verwenden könnte. Das mag zwar sein, nur verschliesst man sich somit auch wieder gegenüber einer Grosszahl von Studenten. Dabei wäre es sooo wichtig, anderen Studis zu erkläären, was da überhaupt abgeht, denn viele sind ein wenig verwirrt (so wie ich das in Gesprächen mitbekommen habe) und haben Vorurteile.

  2. Pingback: Zur Zürcher Uni-Besetzung — Monsieur Croche

  3. Titus schreibt:

    Mir fehlt in dieser Diskussion ein wichtiger Punkt, welcher mit den «reichen Eltern» in Verbindung steht und deshalb kaum Erwähnung findet, weil er keine Lobby hat:

    Es gilt ja zunehmend auch die Idee des «lebenslangen Lernens». Zudem ist unser Ausbildungssystem heute so ausgerichtet, dass praktisch jeder jederzeit eine Ausbildung/ein Studium beginnen kann, sofern er die dazu nötigen Anforderungen erfüllt.

    Wenn sich nun jemand mit 39 entscheidet, eine zusätzliche Ausbildung zu absolvieren, so kann diese Person das zwar rein technisch auf dem Papier. Doch in diesem Alter ist diese Person vielleicht verheiratet und Vater oder Mutter von einem oder mehreren Kindern.

    Dem Prinzip des lebenslangen Lernens folgend müsste man folglich auch lebenslang reiche Eltern haben… Es würde indes die Sache auch für 39-Jährige erleichtern, wenn auch für sie eine spätere Ausbildung «erschwinglich» wird.

  4. Kim schreibt:

    @Titus: Die Probleme sind ja neben Geld auch Zeit/Flexibilität (Familie, Kinder, Verpflichtungen) und dass damit ein Teilzeitstudium zunehmend unmöglicher wird (z.B. Chemie, Architektur, Jus) – ein Geisteswissenschatsstudium können jedoch auch gut Nichtmehrsojunge aufnehmen.

    Das Geldproblem ist ausseruniversitär, nicht die Studiengebühren sind der grosse Brocken, sondern alles andere im Leben. Da bräuchte es ein bedingungsloses Grundeinkommen… (immer wieder komm ich an diesen Punkt, ich hoffe nur die Verklärung ist nicht allzu gross ^^)

    Was herauskommt ist natürlich auch, dass das Studium mehr und mehr zur Ausbildung wird und weniger der Ort, wo Wissenschaft passiert. Das ist für die Gruppe der „später Studierenden“ verheerend. Ich führe das (wie im Artikel schon geschrieben) darauf zurück, dass breitere Kreise Zugang zur Uni haben. Das ist wohl der Siegeszug der Bildung (verglichen mit vor 100 Jahren oder) und eigentlich toll. Aber die Antwort auf die grösseren Massen, die an die Uni strömen, ist bisher „ein bisschen mehr auf Ausbildung setzen und schneller abfertigen“, ohne das Problem wirklich zu analysieren. Ausbildungsuni oder Denkuni? Oder geht vielleicht irgendwie beides?

  5. Monsieur Croche schreibt:

    A propos bedingungsloses Grundeinkommen: Im Focus von DRS war kürzlich der Soziologie-Professor Ueli Mäder eingeladen und forderte ein solches Grundeinkommen. Ist noch ganz spannend diese Sendung http://www.drs.ch/www/de/drs/sendungen/top/focus/2655.sh10103981.html

  6. Kim schreibt:

    Ward mir auch schon empfohlen. Liegt schon im iTunes 😉

  7. Titus schreibt:

    @ Kim
    Ich hatte es selber einmal mit einem berufsbegleitenden Studium (bei 80 % Anstellung) versucht und bin kläglich ob der Belastung gescheitert…

    Hingegen bin ich froh, dass nun schon etwas breiter über das bedingungslose Grundeinkommen diskutiert wird. Ich kann nur hoffen, dass dieses Thema nicht nur auf Studierende bezogen diskutiert wird…

  8. Kim schreibt:

    Das würde mich jetzt schon noch interessieren; würdest du denn den Fehler bei der Uni verorten? Was hat dich scheitern gemacht und was hätte anders sein müssen, dass es geklappt hätte? Kommt natürlich auch aufs Fach an. – Fallst du nichts dagegen hast, dich so zu offenbaren 😉

  9. Titus schreibt:

    Du willst aber viel wissen… 😉

    Also, vorab: Nicht Uni, «nur» FH.

    Es gibt im Wesentlichen drei Wege, um zu einem Abschluss zu gelangen:
    a) Man studiert – und hat reiche Eltern.
    b) Man studiert – und arbeitet nebenbei.
    c) Man arbeitet – und studiert nebenbei.

    Beim mir war’s Letzteres. Ich war auch der Ansicht, dass es wichtig sei, den Kontakt zur Arbeits-/Wirtschaftwelt nicht zu verlieren, weshalb ich den 4-jährigen berufsbegleitenden Weg einschlug statt das 3-jährige Vollzeitstudium. Schliesslich könne man so das Gelernte entweder direkt in der Praxis anwenden oder wenigstens die Praxis in Bezug auf die gelernte Theorie beobachten (anhand des eigenen Arbeitgebers).

    Und – natürlich – von Luft alleine kann man ja nicht leben. Bei mir war’s so, dass ich mir damals (vor 12 Jahren) nicht mehr leisten konnte als eine Arbeitszeitreduktion auf 80 %.

    Der Stundenplan sah vor: Montag ganzer Tag, Mittwoch und Donnerstag ab 17 h sowie 4x/Semester am Samstag Morgen.

    «Ab 17 h» heisst, Du verlässt den Arbeitsplatz relativ früh bzw. darfst das dann an den anderen Tagen (Di, Fr) nachholen. «Ab 17 h» heisst auch, dass Du geistig nicht mehr ganz so frisch bist…

    Gescheitert bin ich ob einem Fach bei den Zwischenprüfungen mit einer ungenügenden Note. Das Reglement schrieb vor, dass ich nicht nur dieses Fach, sondern sämtliche Fächer unter einer bestimmten Note hätte wiederholen müssen. Nebst dem, dass ich den Sinn dieser Regel nicht einsah und dass ich sowieso zeitlich schon am Anschlag war und das nächste Semester weiterging, hätte ich also nochmals in die Hosen steigen müssen usw… Da ich keine masochistische Veranlagung habe, habe ich schliesslich das Handtuch geworfen und wurde seither zum Autodidakt 🙂 .

    Heute würde ich das Ganze berufsbegleitend allerhöchstens mit 60 % wagen. Und wo möglich, würde ich mir ein gewisses Wissen schon vorher aneignen. Wenn z. B. Sprachen gefragt sind, kann man diese ja schon vorher lernen, um sich dann auf die anderen, noch unbekannten Gebiete konzentrieren zu können, obschon diese Vorgehensweise eigentlich nicht die Idee ist…

  10. Pingback: Studentenproteste Schweiz 2009/2010 #Unsereuni « Journalistenschredder

  11. Kim schreibt:

    @Titus: Also die Finanzierungsfrage… Feststellung 1: Die finanzielle Realität stimmt nicht überein mit den Vorstellungen/Versprechungen. Feststellung 2: Niemand ändert das, und meine Erklärung ist, weil man schon jetzt nicht weiss, wie man auf den grösseren Andrang antworten soll; wohin dann mit all denen, die man mit finanzieller Unterstützung anlocken würde? – Ich glaube also, dass der Staat gar keine Chancengleichheit schaffen will (zumindest nicht offensiv).

    Gründe für Unterstützung der Ausbildung gibt es meiner Ansicht nach schon: Investition in Bildung lohnt sich immer, auch wenn das platt klingt. Dann geht es auch um das Ideal einer aufgeklärten Gesellschaft, dass jedes Individuum teilhaben darf und soll.

    Wie eine Finanzierung konkret aussehen könnte, ist eine Diskussion für sich. Hohe Stipendien? Unverbindlich oder mit Leistungsnachweisen verbunden? Zurückzuzahlen (–> Problem: Schulden, Abhängigkeit)? Und wieder die Frage: wie viel ist Ausbildung wert? Soviel, dass man Studis, sich Aus- und Weiterbildende dafür entlöhnen sollte? Oder zumindest unkomplizierte Zustüpfe zu einem 50%-Job?

    In dem Zusammenhang ist das schwedische System noch interessant, das doch etwas anders funktioniert und hinter dem ich auch einen anderen Ansatz sehe: http://www.sueddeutsche.de/jobkarriere/570/301567/text/ – und für weitere Vergleiche böte sich das realsozialistische/chinesisch-neokommunistische Förderungssystem an (wobei man sich da mal genauer informieren müsste)…

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