I’m loitering with intent

Zünder (den verstaubten Text „fertig“ zu denken): Was ist eigentlich Erfolg?

(leider gibt es bei Juutjuub nur eine nicht über alle Zweifel erhabene Live-Version)

Episode 1

Eine Vorstellungsrunde in einem Sprachkurs an der Uni. Die Lehrerin fragt nach der Motivation. Man liebe das Land, die Sprache sei schön, man interessiere sich halt, verbinde dies und das damit. Und dann immer wieder, als ob man sich rechtfertigen müsste: ich will dort einen Austausch machen. Oder ein Praktikum.

Das Jetzt als Mittel, irgendwo hin zu kommen. Karriere zu machen.

Man sagt mitunter nicht mehr „wann hast du Uni?“, sondern „wann hast du Schule?“. Die Bologna-Studienreform mag gut gemeint sein. Alles ist jetzt besser organisiert. Und überall gleich. Ein Versuch, Vergleichbarkeit zu schaffen. Im Uni-Alltag kann ich dem durchaus Positives abgewinnen. Doch wenn man es in den Kontext setzt, ist es die Ausbreitung des Effizienzdenkens auf die Uni. Studieren um studiert zu haben, nicht um zu studieren. Damit man einen Wisch vorweisen kann, nicht um Horizonte zu erschliessen.

Versteht mich nicht falsch. Nichts gegen Visionen. Nichts gegen Zielgerichtete Visionen. Nur: es kann immer anders kommen. Und ich will in einer Welt leben, wo es anders kommen darf, soll, wo nicht alles geplant sein muss. Wo kein Druck herrscht, alles zu verwerten.

Episode 2 (chronologisch-logisch vor Episode 1 einzureihen)

Als ich sagte, ich würde nach der Matura allgemeine Linguistik studieren, fragte mich ein Lehrer, ob mir bewusst sei, dass ich damit kein Geld verdienen könne. So ein Interessenstudium könne man auch noch später machen.

Man nimmt so etwas ja eher als Bestärkung hin. Abwehrreflex, grad z’Leid! Ist es nicht haarsträubend, wie alle auf beruflichen Erfolg gedrillt sind? Für Beobachtungen zu gymnasialem „Konformismus“ (etwas hoch Gegriffen, aber das Wort stammt aus dem Text) wende man sich vertauensvoll an Herrn Binswanger vom Tagimagi.

Episode 3

Ebenfalls in der Kantonsschule gab es die Einrichtung einer „Wirtschaftswoche“. Eine Woche lang simulierte man die Funktionsweise einer Firma bzw. eines Produktes auf dem Markt. Schon nicht ganz daneben, aber organisiert von Geldgebern aus der Regionalwirtschaft und deshalb mit einem nicht zu übersehenden Drall: das ist gut, das willst du, ihr werdet mal Entscheidungsträger werden, hier dein Lebensinhalt.

Einige waren in ihrem Element, andere fanden es einen Witz aber zumindest das Essen gut, und bei mir meldete sich wieder der Abwehrreflex.

Ab Tag drei kam die Fraktion der Begeisterten im Anzug und stellt Fragen in Richtung „was muss ich tun, dass mich die Arbeitgeber gern haben?“ (Antwort: Du sollst nicht haben ein Jahr der Untätigkeit in deinem Lebenslauf CV!)

Indes machte ich es mir gemütlich in meiner Rolle der Ablehnung.

Mein Fazit

Ich bin nicht so blöd, das Patriarchat mit dem Matriarchat austreiben zu wollen. Aber ein bisschen mehr trödeln muss drinliegen, dieses „neue Bürgerlichkeit„-Ding ist doch nicht euer Ernst, oder?

Ja, ich bin privilegiert – aber heisst das, dass ich mich beeilen muss, ins Bergwerk zu kommen?

There was a sense of disappointment as we left the mall
All the young people looked the same
(Bloc Party: Uniform)

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2 Antworten zu I’m loitering with intent

  1. zappadong schreibt:

    Als mich mal jemand während meiner Ausbildung fragte, wie ich mir mein Zuhause der Zukunft vorstellte, sagte ich: „Ein Zelt.“

    Nun, ich wohne mittlerweile in einem Haus :-). Trotzdem. Ich wollte mich treiben lassen, das Leben, die Welt und nicht zuletzt mich erkunden. Mich nicht fraglos einfügen. Und habe das alles auch getan 🙂

    Früher (sagte die alte Frau Zappadong) war das noch etwas einfacher. Nicht ganz so einfach, wie man sich das heute vielleicht vorstellt, denn schon damals gehörte man zu den Exoten, wenn man jobbte um seine nächste längere Reise zu finanzieren, seine Zukunft nicht kannte und das auch noch spannend fand. Aber früher sagten die anderen noch: „Das möchte ich auch können.“ (Sie hätten alle können, trauten sich aber nicht). Heute ist sogar das Auslandjahr fix geplant: Drei Monate Sprachaufenthalt, einen Monat reisen. So, wie du schreibst: Man muss alles rechtfertigen. Die Nischenplätze für „Freaks“ sind noch kleiner geworden, aber es gibt sie. Man muss nur den Mut haben, sie einzurichten 🙂

    Abgesehen davon: Nicht jeder Job ist ein Bergwerksjob. Es gibt solche, da staunt man, dass man für so was Tolles und Befriedigendes auch noch BEZAHLT wird (ich hatte ein paar davon und habe jetzt definitv einen solchen).

    Ich wünsch dir Glück. Zufriedenheit. Eine Portion Rebellentum. Eine Portion Widerstand. Gelassenheit und Humor. Und schreib bei Gelegenheit mal wieder aus deinem Leben.

    PS: Geld und Karriere ist nicht alles! Es gibt viel mehr da draussen im Leben.

  2. Kim schreibt:

    Oh ja, mehr Zelt braucht die Welt! Ob echt oder nicht, spielt gar nicht so eine Rolle. Mal schauen, ob in meinem noch Platz ist für all die guten Wünsche 😉

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