Sparen bei denen, die Sparen müssen

Sparen, sagte man mir, sei eine Tugend. Später lernte ich, dass auch kaufen eine Tugend sei. Die Wirtschaft ankurbeln. Und dann hörte ich von Leuten, die täglich ein paar Millionen herumschubsen und bekam langsam das Gefühl, dieses „sparen ist gut“ und „kaufen ist gut“ ist nicht die ganze Wahrheit.

Die Wahrheit geht, vermute ich, in die Richtung: Geld steuert die Wege von Waren. Staatliche Anreize leiten es zu einem Teil so um, dass niemand ganz aussen vor ist. Aber wir sind weit davon weg, dass dadurch allen ähnliche Chancen geboten würden; nicht alle Kinder können einen Sprachaufenthalt machen, aber genau das zählt beim Vorstellungsgespräch. Wer der kranken Grossmutter ein würdiges Leben ermöglichen will, muss schon mal auf Ferien verzichten.

Soweit so schlecht. Aber es kommt noch schlimmer: Im Zuge der Finanzkrise wird gespart. Und zwar bei denen, die am wenigsten haben. Zum Beispiel bei den Arbeitslosen. Man suggeriert, Arbeitslose seien eine Bürde für die Gesellschaft, die nicht länger getragen werden könne.

Eine veraltete Denke, die man in einem hochkomplexen gesellschaftlichen Gebilde, gesteuert unter anderem von Geldkreisläufen mit ihren Anreizen, langsam mal zu den Akten legen sollte. Diese veraltete Denke wird eingespannt, um das oben und unten des jetzigen Systems zu festigen.

Arbeitslose sind ein fixer Bestandteil dieses Gefüges – auch wenn sich alle anstrengen, es braucht nun mal nicht mehr Arbeitskräfte. Gut, vielleicht hätte einer einen Job ergattern können, wenn er hartnäckiger gewesen wäre, anstelle einer anderen, die dann arbeitslos wäre. Also bräuchte es grundsätzliche Reformen; die Arbeit anders verteilen, einen Paradigmenwechsel einfädeln bzw. die Anreize anders setzen (vielleicht via bedingungsloses Grundeinkommen): Karriere ist auch nicht alles. Wenn Vielarbeiter und Doppelverdienerinnen sich mehr um anderes kümmern, gibt es mehr Arbeit, die von anderen erledigt werden kann.

Die Auswirkungen von Sparaktionen sind genau dort am schlimmsten, wo alle (Spanien, Deutschland, …) zuallererst ansetzen: Die, welche spärlich in den Warenkreislauf eingebunden sind, werden ein bisschen mehr davon abgeschnitten. Ein paar weitere Chancen verbaut. Und individuelle Chancen sind gesellschaftliche Chancen, weil die Leute, die keinen Fuss in die Tür bekommen, eh wieder dem Staat zur Last fallen.

Auch volkswirtschaftlich könnte man argumentieren (so rudimentär ich das kann): Wer nichts hat, gibt es eh wieder aus. Und den Geldkreislauf in Schwung zu behalten, ist doch irgendwie auch noch ein Ziel, oder nicht…? So gesehen ist Geld für Arbeitslose sicher nicht das Dümmste, vorausgesetzt es fehlt dem Staat nicht anderswo. Dafür braucht der Staat genug Einnahmen, aber dann kommt die Leier vom fetten Staat, aber wer, wenn nicht der Staat, soll das BIP dorthin leiten, wo es am meisten gebraucht wird?

Das BIP stieg über die Jahre ziemlich stetig an. Das Geld ist also da. Wenn wir es nicht so lenken, dass damit allen mehr Chancen gegeben werden, wird die Scheisse über uns hereinbrechen. Denn der einzige Zweck, für den das BIP wächst, kann nur sein: damit wir allen mehr Chancen ermöglichen können.

Ganz kurzfristig geht die Spar-Rechnung vielleicht auf; am Ende bleibt dem Staat mehr Geld übrig. Aber Geld, das wir in Bildung und soziale Sicherung investieren, bringt viel mehr als ein schönes Budget: keine brennenden Banlieus. Keine kiffenden Kiddies ohne Zukunft, keine Dauerarbeitslose ohne Hoffnung mit Depressionen etc. pp.. Eine ganze Kette von langfristigen Folgekosten kann man sich ersparen.

Das ist das grosse Bild. Aber leider ist es verdammt einfach, das, was langfristig Probleme züchtet, als kurzfristig nötig hinzustellen, indem man sich die zuvor abgesegneten systemischen Absurditäten anprangert: „es kann doch nicht sein, dass man nach einem Jahr arbeiten ein Jahr vom Staat weiterbezahlt wird!“ oder die verdrehte Moralmasche „Bekommt Geld und ist nicht mal dankbar!“.

Und so wird bei den Arbeitslosen die Schraube angezogen. Als Anreiz, einen Job zu finden, den es nicht gibt. Und damit die sich auch richtig schämen für etwas, wofür sie nichts können. Und die, die sich schämen müssten – ja, tausendmal beschworen, aber das hier ist der Zusammenhang, wo es reinpasst – nämlich die, die gross Stutz machen mit Steuerhinterziehungsgeheimnis und dann „die Steuern optimieren“ in Zug oder Obwalden, werden hofiert.

Das stinkt zum Himmel. Und darum muss man meiner Meinung nach die Beschneidung der Arbeitslosenversicherung dem Parlament um die Ohren hauen. Hopp, unterschreiben!

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