Patchwork killed the family hegemony

Zünder: Petition „Familienchancen“ und TV-Diskussionsrunden über Ehe und Homoehe (mit Bundesrat Blocher bei den Befürwortern, hihi)

Als mein Vater auszog, ging ich in die erste oder zweite Primarschule. Meine Lehrerin fragte mich einige Zeit später mit besorgter Miene, ob es mir gut gehe. Sie habe von meiner Situation erfahren und das sei doch sicher hart für mich. Ich begriff nicht, wovon sie sprach. Die Trennung meiner Eltern hatte für mich nicht das Ausmass einer Zeitenwende oder etwas in der Richtung. Sicher hatte ich gemerkt, dass sich einiges ändern würde. Jedes zweite Wochenende und einen freien Nachmittag pro Woche verbrachte ich nun bei meinem Vater in der Stadt. Das Gefühl, an das ich mich noch erinnern kann, ist Neugier. Ich fand das irgendwie aufregend, ein neuer Ort. Ich entsinne mich nicht, mich deswegen je verloren gefühlt zu haben. Dass dies eine Tragödie sein könnte, wurde mir erst durch die besorgte Nachfrage der Lehrerin bewusst.

In meinem Umfeld gibt es Familienidylle und Patchwork. Es gibt unerwartete Kinder mit 20, es gibt bisexuelle Mütter, es gibt Kinder, die beim Vater oder bei der Mutter leben, solche die beim Onkel leben und verschiedene Zwischendinge mit verschiedenen Wechselfrequenzen.

Gleichzeitig wird in der Arena ein Familienbild beschwört, dass sich mir die Fingernägel nach hinten rollen. Mutter bei den Kindern, Vater arbeitet, Fundament der Gesellschaft blabla, steuerliche Entlastung für Familien. Unter Artikeln, welche die Absurditäten der momentanen Gesetzeslage für homosexuelle Eltern auflisten, ist auf jeden Fall ein Kommentar, der darüber „aufklärt“, wie schlimm doch Homosexualität sei und Gott wolle das nicht (inkl. Bibelzitaten), dann die Frage, ob die Kinder denn nicht auch homosexuell würden und schliesslich die Befürchtung, dass Kinder gehänselt werden und sowieso ganz doll leiden unter zwei Mamis oder zwei Papis.

Total ausgeblendet wird, dass es darum geht, ob sich die Eltern mit dem Kind beschäftigen. In welchem stammbaumtechnischen Verhältnis sie stehen, ist dabei völlig egal. Oder wer glaubt ernsthaft, dass ein Vater, der arbeitet und sich für die Kinder nicht interessiert, und eine Mutter, die mit der Erziehung überfordert ist und sie vor dem Fernseher parkiert, ein besseres Umfeld ist als eine alleinerziehende lesbische Mutter eines Adoptivkinds, die 50% arbeitet, sich mit den Nachbarn organisiert und dafür am Abend mit dem Kind einen Kuchen bäckt oder Tschau Sepp spielt?

Genug Anschauungsmaterial. Es ist klar: „Die Familie“ mit Vater, Mutter und durchschnittlich zwei Kindern ist eine Realität unter anderen. Es gibt verschiedene Formen des Zusammenlebens, und sie sind gleichwertig (nichts anderes wollte ich mit dem letzten Beispiel belegen, es könnte nämlich auch andersrum sein, was sich in der Masse ausgleicht). Es liegt nicht am Staat, Familienkonstellationen aufgrund willkürlich herausgepickter Faktoren pauschal zu bewerten. Ob es einem Kind gut geht, hängt vom individuellen Umfeld ab, nicht vom Alter der Eltern, deren sexueller Orientierung oder Blutsverwandtschaft.

Formen, wie man leben kann, gibt es viele: alleine, in einer Partnerschaft, mit Eltern, mit Kindern, mit den Grosseltern, Enkeln, Verwandten siebten Grades, in einer Wohngemeinschaft mit Freunden oder – und das wird meistens der Fall sein – eine Schnittmenge: Freunde, Eltern, Kinder, Partner, schlussendlich umgibt man sich doch einfach mit Leuten, die man mag und die einen mögen. Leben einerseits im Sinn von Wohnen, andererseits von, na, leben halt.

Zusammenleben ist eine der grundlegenden Herausforderungen – und dabei kriegen was man braucht, sich selbst verwirklichen, sich entfalten, sich treu sein, sich suchen, sich finden, glücklich werden, glücklich bleiben. Weil Menschen so verschieden sind, gibt es dafür viele Wege. Das allein ist schon nicht immer einfach, da braucht man nicht noch staatliche Hürden, die irgendeinen traditionelles Zopf erhalten.

Dass nun die Familienchancen-Initiative auf das Bild der Familienidylle zurückgreift, um die Kinder, die – auch jetzt schon – in Regenbogenfamilien aufwachsen, besser abzusichern, ist eigentlich ein Trauerspiel. Aber es ist halt die einfachste Art, den ewiggestrigen Kulturpessimisten die Absurdität der momentanen Lage vor Augen zu führen. Dasselbe ja schon bei der Homoehe: Eingetragene Partnerschaft kommt nur durch, wenn man Adoption ausschliesst.

Gerade darum muss ich es jetzt nochmals betonen: Gleichgeschlechtliche Familienidylle ist ein Ding, aber es gibt noch weitere Beziehungs- und Lebensformen, der das Modell „ich suche mir einen Partner, verdiene genug um ein Nest zu bauen und bekomme dann Kinder, die wir zusammen aufziehen“ nicht mehr gerecht wird, aber eine ganze Kaste beschwört dies weiterhin als unantastbare Wahrheit. Vorstellungen, wie sich gesellschaftliche Beziehungen zu verhalten haben, machen es zwar einigen Leuten einfach, indem sie ihnen den Weg vorgeben, doch anderen verstellen sie ihn. Und wir wollen ja, dass es allen gut geht. Es hat sich gezeigt, dass man da nicht die eigene Vorstellung aufzwingen kann. Soviel Unterschied muss man ertragen, da gibt’s keinen Ausweg. In Fachkreisen nennt man es Toleranz.

Wenn nun die Kaste der Familienbeschwörer einsehen würde, dass sie nicht die einzigen sind und demnach nicht von sich auf alle schliessen können, ginge es auch denen besser, die genauso mit Herz dabei sind, aber daran scheitern, dass ihr Leben mit einer von den Familienbeschwörern zementierten Kategorie nicht kompatibel ist (aber das hat die die Homophobiewoche ja schon bei Schwulen ohne Kinder nicht gerafft).

Bis dahin müssen wir wohl den ganzen Blödsinn weiterhin ertragen, welcher den selbsternannten Bewahrern der einzig richtigen Kultur scheinbar unaufhaltsam aus dem Sprachtrakt plätschert: „So muss es sein weil a) es schon immer so war – b) es in der Verfassung steht – c) ich das finde – d) Gott das findet – e) alles Neue tendenziell böse und gesellschaftszersetzend ist – f) anderer Gugus nach Wahl, das beweist diese 30 Jahre alte Studie, wenn man sie falsch auslegt.“ Und natürlich der klassische Verdreher: „Ihr toleriert meine Intoleranz gegenüber euerm Lebensstil ja auch nicht, also toleriere ich euern Lebensstil auch nicht.“

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3 Antworten zu Patchwork killed the family hegemony

  1. herr_guenni schreibt:

    immer wieder danke für das in worte fassen und ordnen von verwurschtelten gedanken in meinem kopf.
    sei geflattrt

  2. Kim schreibt:

    your appreciation is highly appreciated 🙂

  3. Titus schreibt:

    Mich würde manchmal schon auch noch interessieren, wieviel von der klassischen, vor allem nach aussen getragene «Familienidylle» wirklich echt und wieviel einfach nur Heuchelei ist. Letzteres schlägt sich dann ja irgendwie auch auf die Kinder nieder. Oder andersrum: Es vermittelt den Kindern ein anderes Bild, wenn sie sehen, dass ihre Eltern (wie sich diese auch immer zusammensetzen) sie mögen oder den Kontakt eben nur aufs allernötigste aufrecht erhalten…

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