Ernüchterung

Wenn ich lese was passiert, wenn man Lesern (und Leserinnen?) eine Kommentarfunktion gibt, macht sich bei mir Ernüchterung breit. Dabei ist es scheissegal, ob bei Blogs, Newsnetz oder der taz, es wird behauptet, man drischt aufeinander ein, es ist tendenziell unklar wer sich auf was oder wen bezieht, seltsam-skandalös und unkonventionell sind Trumpf, meist bei völliger Intransparenz, auf welchen Informationen die Urteile basieren.

Hauptsache immer volle Pulle rein: die Vorrednerin ein Gutmensch, alle Politiker Banditen und man selbst der Superchecker, der die Welt nur anschauen muss um aufgrund der eigenen absoluten Unvoreingenommenheit die Wahrheit zu erkennen, die man nun netterweise verbreitet unter all den anderen Idioten, bei denen man als Superchecker natürlich die Denkfehler vom Schiff aus sieht.

Wie kann man da den Glauben an die Menschheit nicht verlieren?

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4 Antworten zu Ernüchterung

  1. quantensprung schreibt:

    Den Online-Qualitätsmedien geht es beim Bereitstellen der Kommentarfunktion weder um die Meinungen noch um die Meinungsbildung. Solange Richtlinien wie Kindersex und Rassismus nicht übertreten werden, ist es den Veranstaltern dieser weltweiten Verbaldekadenz vollkommen egal, was da steht.

    Hauptsache, der User hat sich registriert, ist eingeloggt und identifiziert sich mit dem Medium bis zur gänzlichen Selbstaufgabe samt dem kuschligen Gefühl, genau dort und nur dort ein mentales Zuhause gefunden zu haben, weil ihm sonst in den Weiten des Netzes der totale Untergang droht, er könnte ja zwischen den Maschen hindurchfallen, fürchterlich tief ins Tiefe fallen und irgendwo elendiglich verenden.

    Während er in inbrünstigem Heimatgefühl seinen Senf postet, blinken ihm unaufhaltsam die Werbeflächen ins Antlitz, im IT-Bereich wird gejubelt: «Schon wieder so ein Depp an der Angel», die Counters summieren Klicks und sammeln munter Mail-Adressen und Profile.

    Ganz putzig werden die Umstände, wenn solche User spärlich zwar, doch immerhin, von den Medien gelobt und mit Billiggeschenken ausgestattet werden mit dem Ziel, sie möchten sich doch bitte schön noch gescheiter, klüger und origineller empfinden und das auch in Verbalergüssen zum Ausdruck bringen.

    So beginnt die Motivation der User die merkwürdigsten Blüten zu treiben, man schmiedet Pläne, entwickelt Formeln und errechnet die Leistung eines Politikers aus dessen Haarlänge in Millimetern addiert das Alter dessen Grossmutter, dividiert das Ganze mit der eigenen Schuhgrösse in Zentimetern, und, um höherer Innovation Rechnung zu tragen, multipliziert man schliesslich alles mit Null.

    Erstaunt über das Resultat werden mutig neue Wege beschritten, man sucht nach Wörtern und Begriffen. Und wenn die Kommentierenden das Eine begriffen haben, dann « Good news is no news », so finden sie ungute Wörter, und schreiben von Banditen, Nullen, Stümpern, Leerlauf und fordern das Köpferollen.

    Um den Glauben an die Menschheit nicht zu verlieren, empfiehlt es sich zu denken, dies sei die Menschheit. Sollte das nichts bringen, am besten eine neue Menschheit erfinden.

  2. Kim schreibt:

    „Identifikation“ ist ein gutes Stichwort… Und die Haarlänge 😛

    Was mich beelendet ist, dass überall, wo man Essentielles diskutieren könnte, über kurz oder lang alles zwangsweise in einen nervigen Brunz abzudriften scheint. Hat man nicht so viel von der Intelligenz der Masse geredet? Davon, dass das Internet das Versprechen der Demokratie einlöse? Wenn das dabei rauskommt, kann ich gerne drauf verzichten. Oder ist die Kommentarsektion dafür einfach der falsche Ort?

    Den letzten Abschnitt verstehe ich nicht.

  3. Zappadong schreibt:

    Na ja, nicht gerade den Glauben an die Welt. Aber definitiv an Web 2.0 🙂

  4. Kim schreibt:

    Ist Web 2.0 nicht die Welt? 😉

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