„wir | ihr“ oder „wir + ihr“?

Angefeuert von der Minarett-Initiative wurde im letzten halben Jahr über Kulturen und Religionen geredet, als gäbe es zu allem genau zwei Haltungen: völlige Ablehnung oder völlige Unterstützung. Eine solche Diskussionskultur ist ein Rädchen des Populismus. Aber alle machen mit. Wir treten Facebook für oder gegen Minarette bei, suchen Beispiele wie böse oder wie toll die Muslime sind, spielen Menschenrechte gegen Freiheit aus. Die Medien schaffen es nicht, den zur Reflexion nötigen Abstand herzustellen, sondern giessen Öl ins Feuer, Politiker rennen im Zickzack von einer symbolischen Position zur nächsten (getrennte Friedhöfe, Burkaverbot), fast niemand stellt die Diskussion in Frage (eine Ausnahme ist z.B. Reflexe „Wie verlogen ist die Burka-Diskussion?“).

Einfache Gegensätze sind Trumpf. Drei Beispiele:

  • Die „Debatte um christliche Leitkultur“: EVP und CVP wollen einen Religionsartikel in der Verfassung zu verankern, der das Christentum als „Referenzkultur“ (abgetönt für „Leitkultur“) bezeichnet. Nachdem wir mit dem Minarettverbot eine „religiöse Sonderbestimmung“ (a.k.a. Diskriminierung) in der Verfassung haben, also noch eine weitere. Der Bundesrat begrüsst die Debatte. (TA 28.6.10, nicht online zugänglich)
  • Schwule und Muslime: In Berlin (ja, nicht Schweiz, aber könnte genau so gut hier sein) häufen sich anscheinend Ausfälle gegen Homosexuelle durch Pubertierende, die in einem konservativ-islamischen Umfeld aufgewachsen sind. Die Diskussion läuft dann so: „Entweder du bist für die Schwulen oder für die Ausländer“. Eine ähnlich haltlose Verallgemeinerung wie „entweder für die Rechte der Frauen oder die Rechte der Muslime“.
  • Linke und Islam: Analog „Frauen vs. Muslimas“ und „Schwule vs. Muslime“ wird ein Widerspruch „Schweiz vs. Islam“ konstruiert, obwohl es prozentual genau so viele Fundis unter den hiesigen Christen gibt wie unter den Muslimen.

Die „Diskussion“ hat das Ziel, alle in eine von Zwei Ecken verweisen: Für oder gegen Islam. Für die Schweiz oder dagegen. Für Ausländer oder dagegen. Für die christliche Leitkultur oder für den Zerfall der geistig-kulturellen westlichen Errungenschaften.

Der letztgenannte Widerspruch ist totaler Blödsinn, denn DIE westliche Errungenschaft überhaupt ist der Pluralismus. Die „westlichen Errungenschaften“ sind nicht christlich, sondern religionsneutral. Zwischen Staat und Religion wird getrennt. Jede Religion und deren Anhänger werden gleich behandelt.

Unser Staat braucht kein Bekenntnis zu christlichen Wurzeln. Er funktioniert besser ohne die einseitige Bindung. Denn die Parteinahme für keine religiöse Gruppe erlaubt es ihm, jeden Menschen gleich zu behandeln: Wer sein Kind tötet, kommt ins Gefängnis. Wer Schwule zusammenschlägt, wird gebüsst. Man ist frei, total verhüllt oder aufreizend herumzulaufen, denn der Staat fällt keine willkürlich-moralischen Urteile (aber natürlich hat eine Frau mit Burka auf dem Arbeitsamt ein Problem, genau so wie eine Frau in Gothik-Aufmachung auf dem Arbeitsamt ein Problem hat – vgl. „Recht auf Kontaktverweigerung statt Burkaverbot“, Burkaverbot und Menschenrechte)

Doch nun soll der Staat eingespannt werden, um zwischen verschiedenen Motivationen zu unterscheiden und damit der Willkür Vorschub zu leisten. Islamische Türme werden verboten, christliche nicht. Fundamentalistisch-islamische Kleidung soll verboten werden, fundamentalistisch-jüdische nicht. Der Staat stellt sich auf eine Seite und verrät seine Neutralität.

Doch es sind zwei paar Schuhe, Burkas zu verteidigen oder das Recht zu verteidigen, Burkas zu tragen. Eine Burka zu tragen, ist fundamentalistisch bis zumindest konservativ, das Recht darauf (in einem kulturellen Umfeld, wo es nicht gang und gäbe ist) ist liberal. Es geht nicht um Privilegien für Muslime, sondern um Gleichbehandlung, die schwindet, wenn ein Verbot explizit auf muslimische Praktiken abzielt, mögen sie auch noch so konservativ sein.

Wenn wir uns von ein paar Burkas und Minaretten provozieren lassen, unser Rechtssystem über den Haufen zu werfen und je nach Gruppe verschiedene Massstäbe anzusetzen, ist das die Bankrotterklärung der Gleichbehandlung.

Der momentane Populismus und die Polemik zielen auf die Unterscheidung zwischen „finde ich gut“ und „soll erlaubt sein“ – ein Pfeiler unseres Staatsverständnisses. Dieser Unterschied ist nicht einfach zu kommunizieren. Aber mit ein paar Seitenblicke auf andere Minderheiten sollte klar werden: Widersprüche lassen sich nicht aufheben, indem man „finde ich gut“ und „soll erlaubt sein“ gleichsetzt.

Es gibt Zwischentöne. Es gibt Widersprüche. Es gibt verschiedene Aspekte. Es ist kompliziert. Aber es ist logisch: Wenn wir Minarette verbieten, schneiden wir in unser eigenes Fleisch a.k.a. liberales, egalitäres Rechtssystem.

Ich sage nicht, dass es keine Probleme gibt. Die gibt es, wenn es gesellschaftliche Reibungen gibt – Und die gibt es wegen dem „weltpolitischen Framework“. Gesellschaftliche Reibungen kann man nicht abschaffen. Aber leider ausschlachten: Ein paar Symptombekämpfungen auf Kosten von egal wem kommen erschreckend gut an, solange sie die anderen betreffen (praktikablerweise eine Minderheit).

Der momentane „Diskurs“ blendet die Zwischentöne aus. Doch Ablehnung gegenüber demselben ist nicht gleich Freundschaft. Die Rechte eines Menschen verteidigen heisst nicht, seine Einstellungen zu verteidigen. In einer pluralistischen Gesellschaft mit einem wunderbar funktionierenden, unparteiischen Rechtsstaat haben mehr als zwei Pole Platz. Vereinfachungen untergraben ein friedliches Zusammenleben und bringen keine Lösung. Populismus ist Gift.

Es gibt nicht nur entweder – oder. Dialektik ist Realität. Liberal sein beinhaltet, die Rechte des Konservativen zu verteidigen. In einer modernen Gesellschaft müssen „wir“ und „sie“ Platz haben. Es geht gar nicht anders.

Wenn man mein gedankliches Chrüsimüsi runtergeschluckt oder sogar verdaut hat, empfehle ich, das Interview mit einer Muslima bei der Augenreiberei zu lesen (inkl. Kommentare!). Da kann man das mit der Toleranz gleich mal einem Stresstest unterziehen.

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4 Antworten zu „wir | ihr“ oder „wir + ihr“?

  1. Marti schreibt:

    Der große Denkfehler besteht darin zu glauben, orthodoxer Islam sei etwas, das in unseren Begriff von Religion passt.

    Orthodoxer Islam ist ein Totalitarismus, der alle Lebensbereiche minutiös regelt und nicht anders neben sich duldet.

    Insofern hat er mit Kommunismus und Nationalsozialismus viel mehr gemein, als etwa mit Christentum oder Buddhismus.

    Pluralismus gibt nicht für Nazis und Kommunisten, aus guten Grund. Zum orthodoxen Islam gibt es bis heute keine wirkliche Alternative, es existieren lediglich Sonderguppen, wie die Aleviten, die selbst vom orthodoxen Islam unterdrückt werden.

    Man kann natürlich auf das große Wunder „Islamreform“ warten. Ich halte es für vernünftiger den Islam genauso wie alle anderen Totalitarismen zu bekämpfen!

  2. Kim schreibt:

    Die Herleitung hinkt. Wir haben einen Kommunisten im Nationalrat und so solange Nazis keine Behinderten verprügeln, gilt Pluralismus auch für sie.

    Orthodoxen Islam verstehe ich als Vorschriften, die sich auf das eigene Leben auswirken, nicht aber den Staat in Frage stellen. Sozusagen „privater Totalitarismus“ (oder eben fundamentalistische Religion). „Totalitarismus“ bezieht sich auf eine Herrschaftsform, wie z.B. Islamismus. Und „der Islam“ als Ganzes ist ganz sicher kein Totalitarismus.

    Wir machen wohl eine andere Einteilung. Ich glaube nicht, dass islamische Fundis in der Schweiz gefährlich sind. Sie leben ihren „privaten Totalitarismus“ innerhalb von unserm Staat (inkl. Gesetzen). In meiner Wahrnehmung ist das einfach noch ein weiteres Grüppchen von Spinnern. Wenn „bekämpfen“ heisst, sich genau so gegen islamische Fundamentalisten auszusprechen wie z.B. gegen die Scientology, sind wir der gleichen Meinung. Wenn es „verbieten“ heisst, ist es staatliche Willkür.

  3. Pingback: Volksbefragung der SVP – so füllt man sie richtig aus « Ws Blog

  4. Shia schreibt:

    ich finde es spannend, wie sehr man musliminnen wortgetreue und absolute fügsamkeit unterstellt, als würde jede muslima den koran auswendig kennen und jedes gebot akribisch befolgen. das tuen selbst jene nicht, die sich mit burka bedecken.

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