Es stimmt nicht, dass sie abschreckend wirkt

Es musste ja einmal passieren: Irgendein selbstgerechter Depp rollt die die Diskussion um die Todesstrafe wieder auf.

Auf der Website der Initiative findet sich ein Argumentarium in Form eines Videos. Darin wird behauptet (man beachte die Ausrufezeichen):

Die Todesstrafe ist die gerechte und logische Strafe für solche Verbrechen!

Das war vor einiger Zeit wohl „common sense“. Ich bin jedoch überzeugt, dass wir den Gedanken „Auge für Auge, Zahn für Zahn“ nicht mehr als gerecht wahrnehmen. Einem Dieb die Hände abhacken, ist das gerecht? Mit dem Tod lehren, nicht zu töten, ist eine Idee von gestern.

Die Angehörigen haben ein Recht das Geschehene zu verarbeiten. Störende Faktoren müssen für diesen Prozess beseitigt werden. Der Täter ist der störende Faktor!

Ein Täter ist zuerst einmal ein Mensch. Man kann nicht jeden „störenden Faktor“, der für das eigene Leiden verantwortlich ist, einfach „beseitigen“. Auch wenn er/sie Schreckliches getan hat und man selbst damit überhaupt nicht klarkommt.

Ich wundere mich über die Logik, dass es bei der Verarbeitung helfen soll, wenn noch ein zweiter Mensch sterben muss. Trauer und Zorn ist zutiefst menschlich; deshalb nicht zu einer Bestie zu werden, die nach Rache und Vergeltung schreit, macht uns aber erst zu Menschen.

Unser Strafrecht ist bei solch grausamen Verbrechen komplett überfordert, es fehlen passende Gesetze!

Was ist die passende Antwort auf einen Rückfall in bestialische Triebe? Die hohen eigenen Ansprüche ablegen und selbst bestialisch werden?

Der Staat spart Kosten durch die zeitnahe Vollstreckung der Exekution nach der Verurteilung!

Zynisch und falsch. US-Staaten haben in letzter Zeit die Todesstrafe abgeschafft oder darüber nachgedacht, weil sie im Schnitt fünfmal teurer ist als lebenslange Haft – wegen der Verfahrenskosten.

Solche Verbrechen hinterlassen massive Spuren an den Opfern und am Tatort. Mit der heutigen Kriminaltechnik werden keine Unschuldigen mehr hingerichtet!

Nichts gegen technologischen Fortschritt, aber die Aussage „dank neuer Technik passieren keine Fehler mehr“ widerspricht jeglicher Erfahrung. Die Justiz wird immer Fehler machen. Laut Amnesty International wurden in den USA von 1973 bis März 2010 139 zum Tod verurteilte Gefangene aus der Todeszelle entlassen, nachdem ihre Unschuld anerkannt worden ist. Natürlich verhängt die USA viel mehr Todesurteile und damit ist die Zahl der Falschbeurteilungen höher. Aber auch das beste Justizsystem kann das Risiko, jemand Unschuldiges staatlich abgesegnet zu ermorden, nicht beseitigen.

Wiedergutmachung durch den Täter ist nicht möglich!

Und daraus folgt, dass man ihn umbringen muss? Was ist eigentlich, wenn das Opfer „nur“ im Rollstuhl sitzt, ist Wiedergutmachung dann möglich?

Dieses Argument zeigt, dass es den Initianten nicht um Bestrafung, sondern um Rache im Sinne der Angehörigen des Opfers geht. Der Staat soll für Gerechtigkeit sorgen, aber nicht für die Rache. Das gehört nicht ins Gesetz.

Die Todesstrafe wirkt abschreckend. Auch wenn nur ein einziger Fall verhindert werden kann, würden wir Gott auf den Knien danken…

Härtere Strafen wirken nicht abschreckender. Sonst gäbe es in Saudi-Arabien so gut wie keine Kriminalität. Man tötet in der Regel nicht „einfach weil man kann“. Es wird nicht mehr getötet, wenn die Straft weniger hart ist. Nicht einmal eine quantitativ andere Bestrafung wie die Todesstrafe wird einen Sexualmörder von irgendetwas abhalten. Amnesty: „Wissenschaftliche Studien haben keinen Beweis für die angeblich abschreckende Wirkung der Todesstrafe erbringen können. In Kanada zum Beispiel ist die Mordrate seit der Abschaffung der Todesstrafe zurückgegangen.“

Dann auch noch Gott ins Spiel zu bringen, halte ich für zynisch.

Bleibt die Feststellung, dass die Schweiz, wenn sie als einziges Land in Europa neben Weissrussland die Todesstrafe anwenden würde, sich in eine seltsame Ecke manövrieren würde. In dieselbe wie Iran und China zum Beispiel. Man mag einwenden, dass die Todesstrafe ja „nur“ für Morde im Zusammenhang mit Sexualdelikten verhängt würde – doch dies ist ein weiteres Argument dagegen: es ist eine willkürliche, emotionale Unterscheidung, die nichts im Gesetz verloren hat.

Dann haben wir noch das Problem vom Staat, der Töten verbietet, aber selbst tötet. Beziehungsweise das Problem, dass irgendwer den Mord ja ausführen muss. Im Namen des Staates. Deshalb halte ich es für einen Irrglaube, dass die Todesstrafe „Erleichterung“ bringen soll.

Ein interessantes Detail ist auch, dass die Todesstrafe „unverhältnismässig oft gegen Arme oder Angehörige von Minderheiten angewendet [wird]“.

Wer ein Zeichen gegen die Blödheit und für die Aufklärung setzen will, dem/der empfehle ich, im Shop von Amnesty gratis ein paar Allgemeine Erklärungen der Menschenrechte zu bestellen und zu verteilen.

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3 Antworten zu Es stimmt nicht, dass sie abschreckend wirkt

  1. quantensprung schreibt:

    Wie ich sehe, hab ich’s ähnlich gemacht wie Du.
    Zu diesem Schlamassel «Schweizer Todesstrafe» gibt’s sonst nix mehr zu sagen ausser: Ab in die Klapse, statt Initiativen zu lancieren.
    Gruss quanti

  2. Pingback: Doch keine Todesstraf-Initiative

  3. Bobsmile schreibt:

    Und man sieht auch die Notwendigkeit, bereits im Vorfeld der Unterschriftensammlung die Gültigkeit des Initiativtextes gegenüber der geltenden nationalen, wie auch völkerrechtlichen Rechtssprechung, zu prüfen.

    @Quantensprung
    Wenn man es denn als Hilfeschrei der Angehörigen des Opfers deuten will, ja, psychologische Hilfe ist wohl angesagt, denn das Verfahren läuft ja noch, der mutmassliche Täter sitzt in U-Haft und noch ist anscheinend nichts entschieden.

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