Anreize und andere reizende Fehlüberlegungen

Manchmal lohnt es sich, Blogeinträge vor sich hin gären zu lassen, um sie vor einer Abstimmung wieder auszugraben. Bahn frei für Herrn Pelli:
WOZ: Glauben Sie wirklich, Jugendliche finden schneller einen Job, nur weil man ihnen die Taggelder kürzt?
Fulvio Pelli: Natürlich. Das ist ein Anreiz. Sie werden sich noch mehr anstrengen und nicht einfach abwarten.

Respekt. Es erfordert einigen Mut, so selbstlos auf die Seite zu treten, um einem Journalisten den direkten Blick auf sein Güllenloch a.k.a. Menschenbild zu ermöglichen („Schau’n Sie mal hier, da klafft ein schöner, grosser Abgrund, über den Sie schreiben können. Was heisst ‚können‘, ich bitte Sie darum!“).

Der Mythos, den Herr Pelli füttert, geht so: Es ist ein Luxus, Arbeitslose zu unterstützen. Nur wenn voriges Geld da ist, können wir uns das leisten. Und voriges Geld haben wir eigentlich nie, denn es gibt tausend wichtigere Dinge als den Zusammenhalt der Gesellschaft. Das sind eh alles faule Säcke, die nicht arbeiten wollen.

Die Annahme, dass Leute schneller eine Arbeit finden, die weniger Unterstützung erhalten (Euphemismus: „Anreiz“), ist falsch. Arbeitslosigkeit ist in den meisten Fällen nicht selbstgewählt und das Bild vom pflichtbefreiten Vergnügen ist ein Streich von guten PR-Leuten. Auf Arbeitslosen lastet ein grosser Druck von Politik und dem sozialen Umfeld. Leute sind nicht arbeitslos, weil sie faul sind, sondern weil es nicht genug Arbeit gibt. Nicht zu vergessen, dass es Arbeitgebern natürlich entgegenkommt, mehr Auswahl zu haben.

Man sieht: Arbeitslosigkeit ist ein Teil unseres Wirtschaftssystems. Eigentlich müsste darüber gesprochen werden, ob man das nicht ändern könnte. Doch das Mindeste ist finanzielle Absicherung. Das Wirtschaftssystem funktioniert sonst ziemlich gut, so gut, dass es ohne weiteres in der Lage ist, seine Fehler mit „flankierenden Massnahmen“ wenigstens abzudämpfen. Die real existierende Arbeitslosigkeit zu ignorieren oder sie persönlichem Versagen zuzuschreiben, ist billiges Sich-aus-der-Verantwortung-Stehlen.

Das Perfide am Mythos „selbstverschuldete Arbeitslosigkeit“ ist, dass er Sicht und Diskussion auf die persönliche Ebene einengt. Er spricht dem Staat nicht nur die Verantwortung ab für die Bekämpfung der Kollateralschäden, die das Wirtschaftssystem verursacht, sondern sogar für das „sorgfältige Hinterherwischen“. Jegliche Unterstützung von Arbeitslosen wird zu einer reinen Finanzfrage – isoliert von den gesamtwirtschaftlichen Zusammenhängen. Das Symptom dieser Ignoranz ist das Gelaber von „Anreizen“ für die faulen Arbeitsunwilligen, die man nur genug schlecht behandeln müsse, damit sie sich bewegen. Doch die Idee, dass es durch mehr Druck auf Arbeitslose mehr Arbeitsstellen gibt, bleibt realitätsfern.

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Eine Antwort zu Anreize und andere reizende Fehlüberlegungen

  1. Mia schreibt:

    Die sogenannten «Anreize» finden sich neben der ALV auch bei Sozialhilfe und IV – überall das selbe Menschenbild. «Workfare» eben: http://www.woz.ch/artikel/inhalt/2007/nr51/Schweiz/15791.html

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