Das Wissen um das Leiden anderer

„Das Wissen um das Leiden anderer bringt uns durcheinander und verwirrt uns“
Stefan Haupt, Regisseur von ‚How About Love‘, in der WOZ vom 26.8.10

Den Film habe ich nicht gesehen, nur dieser isolierte Satz aus dem Interview blieb in meinem Kopf stecken, und davon ausgehend hat sich eine kleine Theorie zusammengefügt, eine meines Erachtens ganz interessante Perspektive auf die Politik und unsere Parteien.

Die anderen gibt es in verschiedenen Massstäben. Da ist die persönliche Ebene, ich und meine Bekannten, oder ich und das Bild vom Mädchen, das in Vietnam vor einem Napalm-Angriff wegrennt. Aber darauf habe ich keinen direkten Einfluss. An diesem Punkt ist die Politik die geeignete Ebene, um dem Leid der anderen zu begegnen. Über UNO-Millenium-Entwicklungsziele, soziale Mindeststandards bei der T-Shirt-Produktion, aber auch über IV-Revisionen reden, heisst: Darüber reden, wie man dem Leiden der anderen politisch begegnet.

Teilt man Politik in zwei Dimensionen, in eine ökonomische und eine soziale, wie bei diesen zweidimensionalen Graphen, ist der politische Streitpunkt bei der Ökonomie-Achse (also Sozialpolitik, Wirtschaftspolitik, Finanzpolitik, Aussenpolitik) oft genau der: Wie begegnet man dem Leiden? Wie begegnet man dem Fakt, dass es den einen besser geht, den anderen schlechter?

Die SVP versucht, das Problem wegzureden. Dafür hat sie zwei Strategien: Umdefinieren und Abhängigkeiten verneinen. Einerseits wird jedes Leid als blosser „Unterschied“ betitelt, was erlaubt, die Bekämpfung von solchem als „Gleichmacherei“ abtun zu können. Andererseits verweigert sie sich der Analyse von Zusammenhängen. Dass z.B. Entwicklungshilfe nicht grosszügig, sondern ein politisches Mittel ist, die Welt zusammenzuhalten, damit wir, die von unserem wirtschaftlichem Vorsprung profitieren, nicht von Ausländern, die wir ausnutzen, überrannt werden.

So aggressiv die Selbstdarstellung sein mag, es ist nur eine offensiv präsentierte Rechtfertigung. Und damit wären wir bei dem anderen Teil, dem Auftritt: Die Rechtfertigung wird aus einer solchen Perspektive präsentiert, dass sie allen einleuchtet. Klar, wer will schon Leute, die ins Land kommen und unsere Sozialwerke anzapfen? Doch dies ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt der Realität, gross aufgeblasen und aus dem Zusammenhang gerissen – eigentlich eine trötzelige Rechtfertigung dafür, egoistisch zu sein.

Für die SVP sind das keine politischen Fragen, sondern persönliche. Sie will die Zusammenhänge nicht sehen. Die Ansage ist: Das ist kein politisches Problem, dafür sind wir nicht zuständig. Wer etwas tun will, soll ein Patenkind adoptieren. – Spenden, um ein Kind zu retten, ist aber nur ein Ablenkungsmanöver, eine Vertauschung der Zuständigkeitsebenen. „Save a child“-Spenden sind schon gut, aber gleichzeitig braucht es strukturelle Veränderungen. Denn sonst stehen einfach in zwanzig Jahren für jedes jetzt durchgefütterte Kind zwei unterernährte da.

Auf einer zweiten, rhetorischen Ebene funktioniert die Propaganda durch die Fokussierung auf Sachverhalte, welche das grosse Ganze verblassen lassen: Man redet über Berge, Schwingen, kriminelle Ausländer, Scheininvalide und die ganzen anderen rhetorischen Deckmäntelchen, um von einer Analyse dessen abzulenken, was wirklich passiert; Politik verkommt zur Legitimierung des Egoismus: Wenn viele etwas glauben, muss schliesslich etwas dran sein. Es ist jetzt nicht mehr nur auf sich selbst gemünzte Verengung der Weltsicht, sondern ein politisches Programm.

Die FDP hat sich in den Gedanken verstiegen, alle Probleme seien über Wirtschaftspolitik zu lösen. Das nennt man dann Liberalismus, um es politisch zu legitimieren (und Neoliberalismus auf der anderen Seite, um es zu delegitimieren). Eigentlich ist es dieselbe Strategie: alles, dem viele Menschen hinterherlaufen, hat seine politische Berechtigung, mag es auch der grösste Senf sein. Dies bewies der Komiker, der seit Mai Bürgermeister von Reykjavík ist.

Neoliberalismus ist die Idee, oder eher die Hoffnung, dass sich das Leiden von selbst auflöst. Das so zu sagen wäre zynisch, aber mit einem ideologischen Überbau: kein Problem. Zu Gute halten muss man der FDP, dass die übersteigerte Idee auf einem wahren Kern beruht: In der Tat gibt es viele Beispiele dafür, dass wirtschaftliche Entwicklung ein Faktor ist, der daran beteiligt ist, Leid zu mindern. Daraus zu schliessen, dass man nichts tun müsse, ausser gute Bedingungen fürs Wirtschaften zu schaffen, ist aber eher unter Selbsttäuschung einzuordnen.

SP und Grüne geloben, sich des Problems anzunehmen, wissen aber nicht wie. Das geben sie leider nicht zu, weil sie meinen, eine moralisch überlegene Haltung reiche schon, weil man damit den anderen Parteien bereits voraus ist. Das wird im Allgemeinen als moralisches Gequatsche vom hohen Ross wahrgenommen („Gutmenschen“) und von mir als nicht aufrichtig: Warum beteiligen sich irgendwelche linke Clowns mit grossen Emotionen am üblichen Gugus of the day, mit Positionen zu diesem und jenem, die kein normaler Mensch nachvollziehen kann, statt sich einmal zu bemühen, die grösseren Zusammenhänge in einer verständlichen Sprache zu übermitteln, und dann vielleicht eventuell womöglich ein paar Anstösse hinterherschieben, wo man ansetzen müsste, um was genau zu ändern, statt der festgefrorenen Reflexe?

Die CVP ist irgendwie ein bisschen alles, aber eigentlich weder noch und eine Idee haben sie sowieso nicht. Dafür sind sie die Partei, die am meisten Abstimmungen im Parlament gewinnt. Yay. Die Grünliberalen, die Piratenpartei und die BDP stochern auch irgendwo dort herum.

Ich sehe also drei Strategien, auf das Leid der anderen zu reagieren:

  • Sich der Tatsache verweigern, dass es Arten von Leiden gibt, der sich die Politik annehmen muss
  • Die politische Beschäftigung damit verweigern, weil man eh nichts machen könne, und das Problem sich dann indirekt lösen werde (da sind wir ganz überzeugt!)
  • Die Probleme angehen (versuchen)

Und dann kann man noch Politik machen, damit Politik gemacht ist, das nennt sich dann oft pragmatisch – was ja eigentlich nichts Schlechtes ist, aber in diesem Zusammenhang heisst: Wir wursteln ad hoc ohne zugrundeliegende Theorie. Aber die braucht es eben auch, damit in der Praxis etwas Schlaues rauskommt.

Politik richtet nicht alles, sie bringt das Leid nicht alleine zum Verschwinden. Aber politisches Handeln ist die Voraussetzung dafür, dass unser Handeln auf der persönlichen Ebene etwas bringt.

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9 Antworten zu Das Wissen um das Leiden anderer

  1. Philippe Wampfler schreibt:

    Ich nicke zustimmend. Eine treffende Diagnose – und doch stehe ich etwas ohnmächtig vor dem Problem, dass politisches Handeln im System Politik mit solch hohen Schwellen verbunden ist, dass man automatisch sehr viel »Gugus of the day« mitmachen muss, bevor man die Möglichkeit hätte, zu handeln.

  2. Mia schreibt:

    Kann ich so nur unterschreiben. In meinen geheimen Fantasien kidnappen die Linken die Werbeagentur der SVP (die ja auch für die Kommunikationsseminare der SVP zuständig ist) und zwingt sie, all das für die Linken und deren Ziele zu tun, was sie sonst für die SVP macht… einfache Plakate zu schwierigen Themen, grosse Zusammenhänge einfach erklärt, Rhetorikseminare für Parteimitglieder…
    Hach.

  3. Kim schreibt:

    @Mia: Geheim? Jetzt nicht mehr 😉
    Da ist dann wieder das Dilemma, dass zu links gehört, Menschen nicht als manipulierbares Wahlvieh anzusehen… Heiligt der Zweck die Mittel? Man möchte ja nur das Beste fürs Wahlvieh… 😉

  4. Mia schreibt:

    Heiligt der Zweck die Mittel…? Ich bin versucht zu sagen: Manchmal ja.
    Und ebenso bin ich manchmal versucht, sarkastisch festzustellen, dass die Rechten und Bürgerlichen halt einfach erkannt haben, dass sie die Welt nicht retten können und deshalb versuchen, vor allem sich selbst zu retten. Ganz nach dem Motto: besser wir lassen das unterernährte Kind gleich heute sterben, dann müssen wir uns in 20 Jahren nicht mit den Problem beschäftigen, wie wir zwei unterernährte Kinder durchfüttern.

    Das ist doch die Problematik, mit der Links und Grün auf völlig verlorenem Posten stehen: Wollen wir Leiden lindern, heisst das im Endeffekt, dass es uns selbst irgendwo «etwas weniger gut» geht – wir müssten national wie global gesehen Macht und Geld abgeben. Die Kampagne, die sowas dem Volk plausibel verkaufen könnte, müsste erst noch erfunden werden…

  5. Kim schreibt:

    Sorry, ich hinke etwas hintendrein, aber das find‘ ich noch spannend, da sollte man eigentlich noch ein paar Maschen weiter stricken.

    Ich habe auch das Gefühl, dass Mitterechts viel zu schnell kapituliert (schrieb ich ja im Artikel bereits), allerdings glaube ich eher aus Verdrängung als aus Zynismus.

    Obwohl: es gibt diesen Zynismus der Besitzstandwahrung – der ja je länger je mehr als valables Argument durchgeht :/ Also Betroffenheit, aber gleichzeitig Unwille, das eigene Verhalten zu ändern. Macht abzugeben. Und da hilft eben die Politik, die das legitimiert, der Neoliberalismus, und noch mehr die rechtspopulistische Ignoranz, die alle Zusammenhänge von „Ich kaufe mir ein schickes Auto“ mit „die IV-Rente wird tausenden Leuten gekürzt“ abstreitet, national sowie global.

    Die Ironie dabei ist, dass egalitäre Gesellschaften glücklich machen. Man muss ja nicht gleich allen ins Gesicht schreien, dass wir etwas weggeben müssen. Es reicht ja schon, das Unfaire aufzuzeigen. Dafür sind Menschen empfindlich. Nur haben uns die Mitterechts-Parteien gute Selbstlügen präsentiert. Und um das mal zu psychologisieren: wohl nicht böswillig, sondern aus Schuldbewusstsein. – An diesen Mauern von Rechtfertigungen kann man mit blossem Moralfinger nicht rütteln. Aber deshalb gleich emotionalisierende, vereinfachende Plakate und Rhetorik in den eigenen Dienst stellen?

    Auch wenn es verlockend ist, würde ich mich nicht auf das „die eine richtige Politik ausdenken und dann mit allen Mitteln verkaufen“ einlassen. Weil man sich damit in einem System einkapselt, das eigenen Gesetzmässigkeiten folgt und früher oder später dem ursprünglichen Zweck zuwider läuft. Weil die Dinge sich widersprechen, wenn man sie zu fest vereinfacht. Und das nur verkaufen kann, wenn einem die Leute blind vertrauen.

    Jedenfalls ziehe ich klare Prinzipien ewigem Protest ohne Prinzipien vor. Vielleicht würde es der Linken damit so gehen wie Blair und Schröder: Ausverkauf, alle springen auf, sehen dann, dass nix dahinter ist, die eigenen Prinzipien sind verraten, das Vertrauen ganz weg, der Preis für den kurzen Erfolg ist Selbstdiskreditierung. Verwirrend ist nur, dass die SVP solchen Erfolg damit hat. Fragt sich, wie lange noch. Denn wie gesagt: Der Gerechtiskeitssinn ist nur unter den Rechtfertigungen vergraben, da müsste man doch mal wieder rankommen 😉

  6. Mia schreibt:

    «Der Gerechtiskeitssinn ist nur unter den Rechtfertigungen vergraben»
    Naja, an den Gerechtigkeitssinn wird durchaus auch von der Rechten appelliert; ist doch ungerecht, wenn die bösen Ausländer unserere Sozialwerke plündern… 😉 Wenn der «Ausländer in der Hängematte» kürzlich bei der Abstimmung über die ALV nicht an den Gerechtigkeitssinn appelliert, woran dann? 😉

  7. Kim schreibt:

    Tja, Verschwörungstheorien („Die Ausländer sind für alle Probleme verantwortlich!“) nehmen halt jede Hürde. Was soll man da machen? Eigene Verschwörungstheorie? 😉

  8. Mia schreibt:

    «Eigene Verschwörungstheorie?» Die brauche ich gar nicht erfinden, das Gefühl bekomme ich oft genug bei der Thematik meines Blogs 😉

    Mir ist noch was eingefallen zum «Gerechtigkeitssinn» – «gerecht» bedeutet bei Rechts nie Gerechtigkeit für «die anderen» – immer nur für einem selbst. Deshalb ist es auch so wichtig, das Feindbild der «anderen» zu hegen und zu pflegen, denn «Feinde» verdienen schliesslich keine Gerechtigkeit. Nur was so ist, wie man selbst verdient Gerechtigkeit.

  9. Kim schreibt:

    Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

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