Wir basteln uns eine Analyse von xenophobem Rechtspopulismus

Zünder: „Die Populisten nicht dämonisieren“, Interview mit Wolfgang Schüssel in der NZZaS vom 17.10.10

Man nehme:

  • Qualifikationen
  • Integration
  • wahlweise Wut, Unzufriedenheit, Unbehagen oder Angst
  • Verlierer der Globalisierung
  • Identität
  • Mobilisierungspotential
  • Gefühl
  • Protest
  • das einfache Volk
  • Muslime, Zuwanderung
  • komplizierte bzw. komplexere Welt und einfache Lösungen

Ich möchte einmal etwas lesen, bei dem ich im Nachhinein das Gefühl habe, gescheiter zu sein, statt gescheitert am Verstehen. Oder ist es wirklich so einfach, dass man die Begriffe nur einigermassen stimmig ordnen muss, um das, was gerade passiert, zu greifen?

Denn das, was passiert, dass nämlich der Rechtspopulismus ganz viele Fragen glaubhaft genug beantwortet, dass viele solche Parteien wählen, will mir einfach nicht in den Kopf. Das kanns doch nicht sein. C’est pas normal, ça!

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11 Antworten zu Wir basteln uns eine Analyse von xenophobem Rechtspopulismus

  1. Philippe Wampfler schreibt:

    Ich denke, sowas in diese Richtung begründet das Problem: http://www.beobachter.ch/dossiers/familienmonitor/artikel/serie-teil-1_der-bedrohte-mittelstand/

    Das gibt’s auch noch in theoretischer… Kurz: Mittelständischer Traum vom wirtschaftlichen Erfolg und Angst vor der Konkurrenz von unten führen zu einer Politik, die dem Mittelstand am meisten schadet.

  2. Kim schreibt:

    Michael Hermann und Claude Longchamps gehen mir fängs auch etwas auf den Wecker. So wirklich erklärt haben die mir auch noch nichts. Es klingt immer alles so logisch, ist bei der Interpretation der Zahlen aber meist auch etwas… Interpretation halt. Und nicht die abschliessende Erklärung der Welt, die sie suggerieren.

    Und was haben „die Ausländer“ damit zu tun? Die gab es doch schon immer. Und auch die damit zusammenhängenden Probleme. Was hat sich verändert? Das Vertrauen, dass die Politik das schon richtig macht? Viellecht deshalb die Gegenreaktion, die vor allem radikal sein muss? Warum funktioniert Xenophobie (also die Formulierung unser aller grundsätzlichen Misstrauens gegenüber Fremdem als politisches Programm) seit 20 Jahren wieder so gut?

    Nur weil man Mittelstand ist, muss man doch nicht durchdrehen vor Angst (Hmmm… USA?). Irgendwas ist da doch mächtig schief gelaufen.

  3. Kim schreibt:

    Grad ist mir noch was eingefallen: Warum hat dann plötzlich die Steuerinitiative eine Chance, durchzukommen? Das fällt ja aus dem Bild vom Mittelstand, der sich mit den obersten paar Prozent mehr solidarisiert als mit denen unten. Wird das vielleicht dadurch ausgehebelt, dass „der böse Bankdirektor“ so ein schönes Feindbild abgibt, analog allem anderen Fremden…? (womit sich die SP dann ins eigene Fleisch schneiden würde, indem sie „das Fremde“ für linke Anliegen instrumentalisiert…)

  4. Philippe Wampfler schreibt:

    Ich glaube, auf einem ganz tiefen Niveau (damit ist nicht die Banalität dieses Niveaus gemeint, sondern sowas wie die Interpretationsebene) geht es darum, dass unsere ganze Realität symbolisch strukturiert ist. Wir kommen nicht umhin, Aspekte unserer Wahrnehmung mit Bedeutung aufzuladen und uns innerhalb dieser Bedeutungskonstruktion zu orientieren. Nun gibt es wohl symbolische Ordnungen, die mit mehr Aufwand verbunden sind (weil sie z.B. Unschärfe zulassen und Restrukturierungen), und solche, welche bequemer zu handhaben sind: Die einfachen. Dazu gehört so etwas wie eine »wir« und »die anderen«-Symbolik und ein Narrativ, mit dem ein Schaden für »die anderen« einem Nutzen für »wir« entspricht (ich beziehe mich damit äußerst lose auf Foucaults Vorlesung über die Entstehung von Rassismus, 1976, wenn ich mich nicht täusche).

    Bei der Steuerinitiative kann man wohl gut davon ausgehen, dass es der Linke gelingen können, die Reichen in die »die anderen«-Kategorie zu zwängen – und so dem Mittelstand eine andere Geschichte zu verkaufen. Ich denke aber, der Erfolg ist darauf zurückzuführen, dass sich in den großen Kantonen nichts ändert – also die EinwohnerInnen der kleinen Kantone »die anderen« sind.

    Das ist jetzt sehr ad hoc formuliert und sich von allen Seiten her angreifbar – nur zu, nur zu.

  5. Kim schreibt:

    Hm. Sehr spannend, das. Leider habe ich keine grosse Ahnung von Philosphie; ich hatte das Konzept Alterität/Identifikation aus der Literatur im Hinterkopf, aber die Anwendung auf Politik geht dann wohl in Richtung abenteuerlich. Zwar, wenn ich das richtig verstehe, geht es um etwas ganz Ähnliches.

    Was mich etwas stört, ist die ständige Ungewissheit solcher Interpretationen – obwohl ich als Phil1-Student eigentlich gelert haben müsste, mich damit abzufinden, dass es keine eindeutige Erklärungen gibt, nur Theorien, die Perspektiven eröffnen, etwas anzuschauen und zu deuten. Interpretationen sind einfach immer so biegbar und im Nachhinein anpassbar…

    Item – Nehmen wir an, es geht um die Konstruktion des Eigenen vs. des Fremden, was ja schon mal ein Einleuchtender Startpunkt ist. Ich frage mich, warum gerade jetzt? Seit 20 Jahren ist der Rechtspopulismus in Europa auf dem Vormarsch. Passiert das einfach so, oder gibt es dazu einen Anlass? Hat sich die Welt verändert, ist sie wirklich komplexer geworden bzw. bei uns eingedrungen oder präsenter geworden und damit bedrohlicher?

    Oder ist es eine Pendelbewegung, willkürliche Erscheinungen die stärker werden und dann wieder schwächer (weil es immer Fremdes gibt) – und kommt somit die Suche nach Kausalitäten dem Stochern im Nebel gleich?

    (Bonusfragen: Ist das pseudo-philosophisch? Habe ich mir die Antworten bereits gegeben? ^^)

  6. Mia schreibt:

    «Warum gerade jetzt?» Vielleicht weil langsam das Ende des «angeblich unendlich möglichen» Wachstums in Sicht ist, und sich jeder noch seine Pfründe sichern möchte, bevor es dann endgültig abwärts geht mit dem allgemeinen Wohlstand?

  7. Kim schreibt:

    Du meinst im Sinne von Verteilungskampf, und da stehen wir lieber mit „unseresgleichen“ zusammen (natürlich im Sinne von „Schweizer“, by whatever that means, nicht „Menschen“)?

    Möglich, überzeugt mich aber nicht ganz. So präsent ist das ja eigentlich nicht, oder? Hätte es dann nicht schon nach der Ölkrise Anfang der 70er-Jahre eine ähnliche Angstreaktion geben müssen? Denkbar wäre, dass damals das Bewusstsein erstmals aufkam, aber ich glaube nicht, dass das ausreicht für den Erfolg des Rechtspopulismus…

  8. Mia schreibt:

    In den 70igern gab es die sogenannte „Überfremdungsdebatte“ (Schwarzenbachinitiative ect.); schau mal hier: http://ideesuisse.ch/206.0.html (im „Kontext“ auf der linken Seite kurz zusammengefasst)

    1963 Gründung einer Anti-Italienerpartei… jaja, wir Schweizer waren schon immer sehr ausländerfreundlich…

  9. Titus schreibt:

    Zu möglichen Gründen für den heutigen Rechtspopulismus fällt mir verschiedenes ein:

    Vorab: Die „Ausländer“ hatten nie eine eigene Lobby. Für sie ergriffen höchstens die Linken das Wort, nicht zuletzt auch weil diese den Ausländern aus gewerkschaftlichen Gründen immer nahe standen.

    Dann spielt wahrscheinlich die Nähe des Ursprungslandes auch eine Rolle. Die Italiener kamen ja schliesslich aus einem Nachbarland, währendem die Tamilen aus einem Land stammen, zu dem der „Durchschnittsschweizer“ so gar keinen Bezug hat. Und auch wenn das ehemalige Jugoslawien nicht so weit weg liegt, hatten wir in der Vergangenheit wohl auch aus politischen Gründen doch wenig mit diesem Land zu tun.

    Ein weiterer Punkt ist sicher auch die Religion. Sie vermittelt Werte. Währendem die Italiener oder Spanier oder Portugiesen „immerhin Christen“ sind, sind viele aus den Balkan-Länder eben keine Christen, sondern Muslime – zumindest auf dem Papier. Diese für viele unbekannte Religion und deren Werte verunsichert.

    Noch ein letzter Punkt: Es ist nicht nur die Kirche, sondern auch der Staat oder die Gesellschaft in einem Staat, welche Werte vermittelt, nach denen man lebt oder leben will und die man hoch hält. Aber welche dieser Werte nahmen jene mit, welche aus den Balkan-Ländern emigriert sind? Ihre Heimat, so wie sie kannten, gibt es nicht mehr. Und eine neue Heimat – und damit auch Identität mit entsprechendem Werte-System – ist erst wieder im Aufbau.

    Ich glaube darum, dass es schon auch naiv von uns Schweizern war – und noch immer ist – alle Volksgruppen gleichermassen „integrieren zu wollen“. Sie bringen alle unterschiedliche Hintergründe und Zukunftsaussichten mit sich, welche massgeblich von jenen der Italiener von damals abweichen. Darum hat nach meiner Einschätzung die so genannte „Integrationspolitik“ schon auch etwas versagt bzw. könnte/müsste besser sein.

    Jetzt fällt mir grad noch ein allerletzter Punkt ein 😉 : Wir, die Vorbilder. Was für eine Botschaft senden wir denn den Ausländern mit unserem Verhalten zu? Haben wir nicht selber eine Identitäts- und Werte-Krise, weshalb versucht wird, durch Ab- und Ausgrenzung die eigene Identität wieder zu finden und/oder von dieser Krise abzulenken?

  10. Kim schreibt:

    Vielen Dank für eure Kommentare!

    @Mia: Tjaja, die Schwarzenbach-Initiative ist mir schon ein Begriff, war mir allerdings gerade nicht präsent. Gestern las ich gerade eine Zusammenstellung von Initiativen, die gegen Ausländer gerichtet waren, die du vielleicht ja auch gelesen hast, nehme ich an, weil dort auch auf die Idée-Suisse-Seite gelinkt wird 😉

    Das legt ja nahe, dass Schwarzenbach nicht einmal der erste war, und dass es immer Unmut gegeben hat gegen Ausländer im eigenen Land, der sich politisch ausgedrückt hat. Was mich aber umtreibt ist, dass dieses Denken nun im Mainstream angekommen ist (ich habe dazu noch einen Artikel in der Pipeline, mal schauen ob ich den noch fertigkriege und es überhaupt noch einen „Mehrwert“ gibt, nachdem wir hier alles schon so ausgiebig verhandeln). Denn die Anti-Italienerpartei ist, glaube ich sagen zu können, nur eine Fussnote der jüngeren Schweizer Geschichte, ich jedenfalls habe vorher noch nie davon gehört. Solche Strömungen gibt es ja immer wieder, aber diese Partei hat wohl nie eine grosse Rolle gespielt. Das ist das, was meines Erachtens jetzt anders ist. Und zwar nicht nur in der Schweiz.

    Woran ich das festmache, kann ich nicht genau sagen; zumal ich 1. viel zu jung dazu bin 😉 und 2. zugegebenermassen nicht der Geschichtscrack bin. Darum einfach mal als These: Der Rechtspopulismus ist heute im Mainstream angekommen, während sich explizit fremdenfeindliche bis vor 20 Jahren nur ab und aufbäumten und im politischen Geschehen manifestierten, nicht aber halten konnten. Man kann probieren, es am Erfolg der Minarettinitiative, der als „Durchbruch“ gedeutet werden kann, festzumachen, oder daran, dass das Parlament mit dem Gegenvorschlag auf die Inhalte der inhaltsleeren Ausschaffungsinitiative eingeht, und das Anliegen somit ein Stück weit weiter legitimiert.

    Aber vielleicht ist es auch noch etwas sehr früh für solche Deutungen. Man weiss ja nicht wie’s weitergeht. Aufgebracht sein als Programm funktioniert ja nicht ewig, würde man meinen…

    @Titus: Ob es eine grosse Rolle spielt, woher jemand kommt, wage ich zu bezweifeln – „Der Italiener“ war ja genauso „de Bölimaa“. Die Religion würde ich jetzt auch nicht so direkt als Grund annehmen, da ja viele Leute in der Schweiz sich wenig um Religion scheren. Hier verläuft der Graben meines Erachtens eher zwischen Säkulären (egal ob Christen, Musliminnen, …) und orthodoxen oder sich mehr an Religion orientierenden Leuten. Aber etwas ist schon dran; natürlich ist eine muslimische Kosovarin fremder als ein christlicher Italiener. Allerdings richtet sich die Ablehnung ja auch gegen Deutsche, bei denen wieder eine ganz andere Empfindung zu Grunde liegt („der grosse Nachbar“).

    Die Frage ist auch, wie viel von dem „Entfremdungsgefühl“ auf konstruierter Realität beruht – von den Ausländern sind ja mehr als die Hälfte aus der EU und ein Grossteil aus Europa. Viele sind Second@s/Tercer@s und sprechen perfekt Schweizerdeutsch, wenn sie wollen. „Wenn die Schweiz die gleichen Einbürgerungsregeln hätte wie die USA, gäbe es in der Schweiz nur 6% Ausländerinnen und Ausländer.“ (Was die SVP verheimlicht)

    Womit man dann beim Thema Integration wäre… Die ist bisher definitiv zu kurz geraten. Auch weil man sich zum Teil immer noch nicht davon verabschiedet hat, dass „die dann alle wieder zurückgehen“. Aber wie das richtigerweise aussehen soll… I don’t know. Weil ja nicht alles schwarz/weiss ist. Nicht alle gut und nicht alle böse. Nicht alles Fremde schlecht und nicht alles gut.

    Die eigene Wertekrise scheint mir auch ein sehr plausibler Grund. Fremdheit ist ja vielmals auch konstruiert. Etwa wenn, wie mir gestern eine Lehrerin erzählte, eine Gruppe von sechs Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die vor dem Haus des Arztes warten für den Schuluntersuch, von der Polizei überprüft werden, dem einen zugeraunt wird „dich kennen wir ja schon“ und misstrauisch bei der Lehrerin nachgefragt wird, ob die nicht eigentlich am Schwänzen seien. Klar identifiziert man sich dann nicht mit den Schweizer Institutionen. Und andererseits konstruieren dieselben Jugendlichen z.B. durch ihre Sprache auch eine eigene Identität.

    So, und jetzt muss ich mal aus dem Haus, bei dem schönen Wetter 🙂

  11. Titus schreibt:

    @ Kim
    Aber der Widerstand gegen Deutsche oder Franzosen ist nicht so stark, nicht zuletzt auch weil uns deren Kultur nicht soooo fremd ist wie jene von anderen Nationen.

    Es spielt beim Ganzen aber wohl auch noch ein anderer Aspekt eine Rolle, den wir hier bisher nicht angesprochen haben: Wohlstand.

    Immer dann, wenn der „Durchschnittsschweizer“ um seinen eigenen Wohlstand bangt oder bangen muss, lehnt er sich gegen Ausländer auf. Dahinter steckt wahrscheinlich auch die Frage: Bringt mir der Italiener / Kosovare / Deutsche / usw. etwas oder nimmt er mir etwas.

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