Die Schlupflöcher und die Paranoiden

Zünder: Nationalrat will „Schlupflöcher“ bei der Zulassung zum Zivildienst stopfen

Da haut’s mir glatt den Nuggi raus. Als ob sich die Schweiz letztes Wochenende nicht schon genügend positioniert hätte als ein Land, dass sich eine Idylle zurückwünscht, die es nie gegeben hat, will der Nationalrat auf Anstoss der Sicherheitspolitischen Kommission (SiK) den Zugang zum Zivildienst wieder erschweren, nachdem letztes Jahr endlich der Tatbeweis die Gewissensprüfung ablöste.

Den Vogel abgeschossen hat aber Nationalrat Thomas Hurter, der forderte, die Gewissensprüfung wieder einzuführen. Die Gewissensprüfung war eine (weitere) sinnlose Verlochung von Millionen, um ein paar Leute (unter 10% der Antragssteller) auszusondern, denen man nicht zugestand, ein genug grosses Problem mit dem Militär zu haben. Als ob man das objektiv beurteilen könnte. Als ob man ein Gewissen prüfen könnte! Nur schon die Idee ist stalinistisch. Und wenn schon, müsste man nicht eher das Gewissen derer Prüfen, die ins Militär wollen? Ach nein, das ist ja der Alltag, wo Gewalt schlecht ist. Beim Militär ist Gewalt ja gut, ich vergass. Wie blöd von mir.

Die Zahlen, mit denen hantiert wird (2008: 1946 Gesuche – 2009: 7213) sind nicht vergleichbar. Denn ein Teil des Anstiegs geht auf diejenigen zurück, die schon ihre RS geleistet haben und vielleicht noch ein paar WKs – dann macht man sich den Aufwand nämlich eher nicht, sein Gewissen niederzuschreiben und es vor einer Kommission zu präsentieren. Die letzten paar Scheiss-WKs schaff‘ ich jetzt auch noch. Zu einem Teil ist der Anstieg also auf eine Übergangsphase zurückzuführen.

Und sowieso: Die Kategorien, in denen der Nationalrat denkt, sind absurd. Schlupflöcher stofpen, damit alles seine Ordnung hat, so en Hafechäs! Das Problem ist die ganze Institution Armee, die in dieser Form keine Daseinsberechtigung hat. Der Ständerat und der Bundesrat scheinen beim Verdauen schon etwas weiter zu sein, aber im Nationalrat profiliert sich die Riege der Ewiggestrigen. Die Leute aus den Reihen der CVP und FDP, die wieder einen Schritt zurück wollen, sollen sich bitte ganz dick schämen (vgl. Abstimmung 2008; Abstimmung 2010).

Und dabei geht es noch nicht einmal um etwas von Belang. Fragen, die dringend geklärt werden müssen, wären: Welche Funktion hat die Armee? Wie können wir sie schlanker organisieren? Ist die Wehrpflicht noch nötig? – Das Schöne: Alle Zeichen stehen gegen die Militärköpfe. Wenn sie also weiter versuchen, den Status Quo zu retten, und dabei immer realitätsferner und paranoider (Ah! Weniger Schikane bei der Zulassung zum Zivildienst! Ein Angriff auf unser geliebtes Militär!) werden, überwalzt sie irgendwann eine GSoA-Initiative. Ein schöner Schlusssatz.

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Eine Antwort zu Die Schlupflöcher und die Paranoiden

  1. Sensor schreibt:

    Zu dem Thema habe ich mir auch ein paar Gedanken gemacht: http://ahasoistdas.blogspot.com/2010/12/steilpass.html.

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