Gesellschaftlicher Wandel

Eigentlich wollte ich dieses Jahr hier eine „Visionsoffensive“ starten. Das Thema des ersten Artikels liess ich mir darauf gleich wieder von der Realpolitik diktieren. Dummer Junge. Aber jetzt geht’s los. Tolle Dinge warten auf Sie! 😉 Alles im Geiste des „Paradigmenwechsels“, den ich schon letztes Jahr beschwor.

Dazu im folgenden ein paar Vorüberlegungen: Wenn man „Dinge“ anders haben will, sollte man sich einmal überlegen, wie sich denn „Dinge“ ändern. Wie ändert sich etwas an den sozialen und wirtschaftlichen Strukturen? – In Palästina, Tunesien oder Iran sind das vielleicht „Dinge“ wie Meinungsfreiheit, Demokratie und eine Ende von Korruption, Polizeiwillkür und Repression, bei uns vielleicht bessere Ausbalancierung des Reichtums, Wehrpflicht abschaffen oder das Recht auf Adoption für Homosexuelle.

Es gibt verschiedene Wege. Ways to change oder so.

Weg 1: Politisieren. Go for the beef. Sich direkt ins Getümmel stürzen, den Menschen versuchen zu sagen, wie sie abstimmen sollen und wählen. Werben. Argumentieren. Am Stammtisch, unter den Verwandten, auf der Strasse, auf Facebook und Twitter. Vielleicht sogar einer Partei beitreten. Das Gute durchsetzen versuchen (und scheitern, wie Mani Matters Hugo Sanders).

Präsenz und Gegengewicht in dieser Domäne sind sicher wichtig. Aber es ist nicht der einzige Ort, wo sich Politik abspielt. Ich ertappe mich immer wieder bei der Hoffnung, dass die Politik alles so richten wird, wie ich es gerne hätte. Ich weiss nicht, woher diese Zuversicht kommt, ist doch die Erfahrung eine andere: Desillusion. Man beisst sich daran die Zähne aus. Deshalb glaube ich, braucht es einen etwas weiteren Horizont.

Weg 2: Der Protest. Briefe, Demos, Protestaktionen. Muss auch sein. Ist aber z.T. sehr institutionalisiert.

Weg 3: Sich organisieren. Zusammen kann man mehr Druck aufbauen, aber auch den Aufbau von Kompetenz und Netzwerken unterstützen. Am einfachsten als Mitglied von NGOs: Geld und der „ideelle Rückhalt“ von vielen Leuten ermöglichen Kampagnen und Einfluss. Anliegen und Themen kommen ins öffentliche Bewusstsein. Und NGOs oder andere Gruppen zeigen mit den Finger auf Missstände. Die Internetversion davon: Avaaz und und „virale“ Videos – die zwei Videoclips von Müslüm wurden auf YouTube von mehr als einer halben Million Leute angeschaut.

Weg 4: Just do it. Das richtige Leben im falschen vorleben. Wie die Studis/Hippies/Alternativen der späten 60er und 70er-Jahre: Sie haben einfach mal angefangen mit dem Leben, wie sie es sich vorstellten. Anderes Wohnen, andere Partnerschaften, andere Prioritäten im Leben, andere Ernährung, anderer Umgang miteinander, … – Die Ausstrahlung war enorm, die Wirkung nachhaltig.

Auch die Light-Version davon ist immerhin ein Anfang: Bio kaufen, nicht jeden Tag Fleisch essen, Flüge kompensieren (zur Umwelt fiele mir noch viel mehr ein, da ist das Problem schon eher, dass alles ein Lifestyle ist), die ganz üblen Marken boykottieren, den eigenen Garten bepflanzen, als Vater Teilzeit arbeiten, zu Weihnachten eine Amnesty-Kerze oder eine HEKS-Geiss, Genossenschaften, lokale Produzenten, Beizli und Läden mit Seele unterstützen, …

Weg 5: Ideen verbreiten. Gedanken muss man säen – oder zuerst einmal die Erde dafür bereiten –, um eine Anziehungskraft zu entwickeln. Nur eine Alternative kann einer bestimmenden, identitätsstiftenden gemeinsamen „Erzählung“ (oder „Vision“) werden. Die „Erzählungen“ der Rechtspopulisten und die der Neoliberalen beherrschen zur Zeit die Schweiz. Die SP will „die grosse Erzählung“ wieder definieren können, konnte man lesen (obwohl die Postmodernisten sagen, dass es die gar nicht mehr gibt, wenn ich das richtig verstehe).

Jedenfalls: Die Ideen, Visionen, Erzählungen, Gedanken, Alternativen, wie auch immer man sie nennt, sie müssen unters Volk, um den Weg für für eine „neue Ära“ bereiten zu können. Eine gewisse Anziehungskraft sollte da sein. Neues Denken kann neue Wege aufzeigen. Das Klima für die Veränderungen in einem linksliberalen Sinne schaffen, wenn man so will. „Das Klima“ heisst vielleicht: Dass die Weichen in den Köpfen so gestellt sind (sorry für die schrecklich technokratische Metapher), dass die Werte, zu denen sich fast alle bekennen, mit der konkreten Politik einer fortschrittlichen Linken verknüpft werden (man kann sich ja mit fast allen Leuten darauf einigen, dass alle Menschen gleich geboren sind – für mich impliziert das linke Politik, aber je konkreter die wird, desto mehr Widerspruch kommt von den (vorher genannten) Leuten).

Das Wesen des Wandels ist schwer ergründbar. Ein paar Thesen:

These 1: Wandel ist nicht monokausal. Ähm ja, darauf wollte ich ja auch mit den Ways to change hinaus. In den Meisten Fällen müssen, glaube ich, verschiedene Ampeln auf grün stehen: Ein Protest allein stürzt kein Regime. Eine NGO-Lobbyistin allein regelt den Umbruch nicht. Zwar kann auf politische Festschreibung auch Wandel folgen (vgl. These 3), aber doppelt gemoppelt hält besser. Wenn ein Wandel von verschiedenen Seiten, auf verschiedenen Wegen daherkommt, hält er besser (am Rande: Wie übersetzt man „verhebe“ auf Hochdeutsch…?).

Bei totalitären Regimes heisst das, ich spekuliere jetzt ein bisschen, dass möglichst viele Voraussetzungen von Volksmassen, Druck von der internationalen Justiz oder anderen Staaten (inkl. wirtschaftlichen Massnahmen), mehr Bildung, Strukturwandel (mehr Mittelschicht z.B.) erfüllt sein müssen, damit der Diktator abgesetzt werden kann. Da alles zusammenhängt, sind auch Ursache und Wirkung z.T. gegenseitig – so kann vielleicht eine Voraussetzung, ein way to change, durch andere kompensiert werden: Ist der Strukturwandel blockiert, setzen wir zuerst den Diktator ab, danach kommt der Strukturwandel. Oder in der Schweiz: Wenn die Rechtspopulisten den politischen Weg blockieren, rühren wir unsere Suppe eben auf anderem Weg an. Wandel kann an Strukturen, die ihn verhindern, vorbeikommen – muss er allerdings nicht zwingend (vgl. These 2 als mögliche Erklärung).

These 2: Wandel verläuft nicht linear. Es gibt chnorzige Zeiten, wo gar nichts zu erreichen ist. Und es gibt keine Garantie, dass der Einsatz für eine bessere Welt irgendwelche Spuren hinterlässt – direkt. Aber (neben der Einsicht, dass man (ich) gar nicht anders kann, als von der besseren Welt zu reden und Wege zu ihr zu suchen) nehmen wir einmal an, dass alles indirekt eine Auswirkung hat. Karma oder der Flügelschlag des Schmetterlings oder so. Naja, vielleicht nicht alles. Aber wenn niemand sich engagieren würde, gingen die chnorzigen Zeiten noch viel länger. Titus von der Augenreiberei hat sich in ähnlichem Zusammenhang über Tropfen auf dem heissen Stein Gedanken gemacht.

Es gibt Zeitfenster, wo eine Gesellschaft sehr empfänglich für neue Impulse ist. Zum Beispiel Island nach dem Bankencrash. In Island war seit der Unabhängigkeit nie eine linke Regierung am Ruder. Nur weil die Linke und ihre Ideen präsent waren, konnte sie nach/in der Krise die Konservativen ablösen (was jetzt noch lange nichts per se Gutes ist (vgl. These 3), aber der politische Weg, der zu Wandel in einigen Bereichen führen kann, ist damit erfüllt). Damit eine Alternative dann am Start ist, versuche ich, Weg 5 zu beschreiten (hui, jetzt wird’s verwirrend selbstreferentiell, äxgüsi) und, in den bescheidenen Grenzen dieses Blogs mit seinen paar LeserInnen, ein paar Gedanken zu verbreiten. Ein bisschen Substanz muss schon da sein, sonst wird das nie was mit dem Umschwung zum Klima der besseren Politik, Friede Freude Eierkuchen und Sonnenschein für alle. – Das heisst jetzt aber auch nicht, dass man nur auf den grossen Knall hinarbeiten soll, denn nur wegen dem Knall wird nicht alles besser. Vielleicht ist der Knall sogar gefährlich für das Erreichte, es gibt auch Arten von „Fortschritt“ (bzw. Veränderung), die alles noch schlimmer machen… Und vielleicht passiert auch einfach nichts, wie bei uns nach der Finanzkrise. Deiche brechen richtig, oder eben nicht (Das YouTube-Video heben wir uns für den Schluss auf).

Neben den „sensiblen Zeitfenstern“ gibt es auch noch „neuralgische Punkte“: Unterstützung durch Leute in wichtigen Positionen verleihen neuen Ideen mehr Schub. Es gibt Orte, wo alle hinschauen, z.B. irgendwelche Personen, die alle kennen, eine Zeitung, einen Fernsehsender und natürlich der tonangebende Mensch in der eigenen Peer-group. Die richtigen Ideen (vgl. Weg 5) zur richtigen Zeit (vgl. vorheriger Abschnitt) bewirken mehr, wenn sie durch die richtigen Hände gehen. Ist nun mal so.

These 3: Wandel manifestiert sich nicht direkt in der Politik. Wandel in der gesellschaftlichen Meinung und Veränderung der Politik sind zwei Ebenen, die manchmal einhergehen, oft aber nicht. Manchmal wird ein Prozess des gesellschaftlichen Wandels durch die Politik angeschoben, manchmal kommt zuerst der Meinungsumschwung, der sich erst Jahre später in der Politik niederschlägt. Es kann sein, dass der Staat den Massstab setzt, wie zum Beispiel die Einführung der 35-Stunden-Woche in Frankreich, und die Leute dann merken „das funktioniert ja“ – oder es kann umgekehrt gehen, wie mit dem Frauenstimmrecht in der Schweiz. Schon deshalb sollte man sich nicht nur auf das konzentrieren, was die Politik gerade macht. Die politischen Institutionen sind ein Weg, Wandel zu etablieren. Allerdings nützt es nichts, irgendwelche tollen Dinge festzulegen, die dann eh nicht durchgesetzt werden (z.B. „Wir integrieren AusländerInnen besser“).

Das wurde jetzt eher ein Sammelsurium von wild wuchernden Gedanken als eine schön Strukturierte Abhandlung, und wohl ziemlich subjektiv. Was bleibt? Der Versuch, richtig zu leben, dazu ein Schuss Revolution, ein bisschen Gedanken machen, ein bisschen Optimismus und immer wieder gegen die Scheibe rennen, bis das Pendel zurückschwingt und unsere Zeit gekommen ist.

Dazu erspare ich mir jetzt das YouTube-Video zur Verbildlichung. Dafür: „Deiche“ von Kettcar.

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