Di ander Hälfti

Laufe nume bi grüe
D Lüüt zersch usstiige loo
„Merci“ säge und „Gsundheit“
Und hine id Schlange stoh

Mir halted üs ad Regle
Mer mached so wies stoht
Und bi Unklarheite
Froge mer zersch wies richtig goot

Aber niemer seit üs danke
Niemer chunt ufd Idee
Nur emol e herzlichs „Bravo“
Mir brüchted gar nid meh

Mir sind bim Früestücksbuffet pünktlich
Mir macheds wie mes sött
Mir sind öppe d Hälfti
Di ander Hälfti macht da nöd

Bei diesem Lied vom voll tollen Stahlberger stellen sich in meinem Nachwuchsdialektikerhirn These und Antithese zur Schlacht auf.

Zuerst mal ist da die Eingebung, das sei auf die „Linken und Netten“ gemünzt. Wir befolgen die Regeln, die lachen sich ins Fäustchen. Sei feiern das Scheissen auf „was sich gehört“ mit verbalem Gift und Plakatwandschmierereien, die auf Haxen, Weichteile und Magen zielen.

Aber natürlich ist es ironisch gebrochen. Zweifel melden sich: Was wird da eigentlich beschrieben? Was wird gut und was schlecht konnotiert? Ist das wirklich „links und nett vs. die bösen Buben“ oder eher „büenzlig und besserwisserisch vs. schräg, selbstironisch und witzig“?

Die Schilderung der guten Tugenden wird überhöht, bis sie ins Absurde kippt. Die Anhäufung, die in Allgemeinplätzen wie „Wir fragen nach, wenn wir etwas nicht wissen“ gipfelt, braucht nur noch ein „wie es sich für richtige Schweizer gehört“ um an Stock-im-Arsch-igkeit dem Auftreten der Rechtspopulisten ebenbürtig zu werden. Noch ein bisschen trötzelige Larmoyanz von wegen „wir machen doch alles richtig und werden dafür schlecht behandelt vom bösen Establishment“ und fertig ist die rechtspopulistische Verschwörungstheorie.

Total frech sein und dabei büenzlig, Tabus brechen und ein besserer Bürger als die anderen sein – ein wesentliches Verhaltensmuster des gemeinen Rechtspopulisten ist der Widerspruch. Und vielleicht ist der Text demnach gerade in seiner Widersprüchlichkeit ein Gleichnis, das sich über die Rechtspopulisten lustig macht?

Doch es könnte auch sein, dass ich gerade dadurch, dass ich noch den letzten Text auf die Rechtspopulisten münze, ihnen viel zu viel Wichtigkeit beimesse. Vielleicht ist der Text ja ganz unpolitisch.

Jedenfalls ist er nicht eindeutig. Und das ist schön. Denn wissen, womit man sicher nicht einverstanden ist (die Rechtspopulismusisierung der Schweiz), aber sich nicht einfach an die Front gegenüber zu stellen, sondern weiter zu zweifeln, ist die vorzuziehende Art der Auflehnung. Sich nicht mit einem Etikett versehen lassen, zu dem man angeblich stehe. Sondern: Reflektieren, abwägen, ausmessen, mitgehen und sich distanzieren, alles in Betracht ziehen. Ausser Rechtspopulismus.

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2 Antworten zu Di ander Hälfti

  1. Titus schreibt:

    Ich seh‘ das gar nicht so im Links-/Rechtsschema.

    Stahlberger übt im Prinzip Gesellschaftskritik und zwar auf ganz subtile Weise. Vordergründig scheint er ein bünzliges, weil „anständiges“ Leben zu besingen. „Wir verhalten uns anständig“.

    Aber bünzlig muss nicht per se schlecht sein, anständig auch nicht. Anständig kommt von Anstand. Und genau da setzt seine Gesellschaftskritik ein: Er bemängelt den mangelnden Anstand in unserer Gesellschaft:

    – Es wird nicht mehr bei grün, sondern eben bei rot über die Strasse gegangen.
    – Niemand bedankt sich mehr.
    – Niemand nimmt noch Notiz, wenn jemand niest.
    – Niemand fragt mehr nach, sondern macht einfach.
    – Schon frühmorgens (Frühstück) ist niemand mehr pünktlich
    – usw.

    Und trotz dieses Verhaltens mit Anstand (und damit auch mit Respekt) gegenüber den Anderen sagt niemand „Bravo“ dazu. Und – so verstehe ich die letzte Passage: Das betrifft schon die Hälfte unserer Gesellschaft.

    Also: Nichts von wegen Rechtspopulisten oder Linken und Netten… 🙂

  2. Kim schreibt:

    Zugegeben, vielleicht bin ich etwas über Ziel hinausgeschossen. Ist natülich pure Interpretation, alles auf Politik zu münzen. Aber ich finde immer noch, es hat was. Muss natürlich nicht so sein. Vielleicht bin ich einfach verdorben, dass ich überall politische Kommentare sehe 😐

    Also lassen wir die Politik mal beiseite. Mein erster Einfall war ja auch, dass der Anstand hochgehalten wird und an den Pranger gestellt, dass er verloren geht. Aber solch moralgetränkte Beschwerden im vollen Ernst vorzutragen, als „Mann mit einer Mission“, das nehme ich Stahlberger nicht ab. Da ist auf jeden Fall eine Portion Selbstironie dabei. Was nicht heisst, dass es nicht auch etwas Wahres daran hat. Ich erkenne mich in manchem wieder, ich ärgere mich auch über Leute, die sich einfach alles trauen. Aber jemanden, der sich in diesem besserwisserischen Ton darüber auslässt, kann ich einfach nicht ernst nehmen. Und ich habe auch das Gefühl, dass die Musik das unterstreicht: Die schrillen Töne, die megafonisch-metallene Stimme, die Parolen im Hintergrund gegen Schluss und das vergiftete Geschrei ganz am Ende (die nach „Half-“ abgeschnitten ist – Zufall oder Gag? :))

    So lande ich wieder bei ironisch gebrochen und uneindeutig. Und eigentlich wurmt einen ja Uneindeutigkeit, aber es kann auch etwas Schönes sein.

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