Never change teams, winning or not

Wieder einmal frage ich mich, wie man Reformen durchbringt. Weil die Leute einfach immer an dem festhalten, was sie haben, egal, ob es etwas Besseres gibt (es gibt da ein psychologisches (bzw. psychoökonomisches) Experiment dazu, dass man den Wert dessen, was man hat, überschätzt).

Feststellung: Einige der ältesten Demokratien in unserem Sinne haben die – ‚tschuldigung – beschissensten Wahlsysteme:

England wählt sein Parlament in Einerwahlkreisen. Wenn Kandidatin A 35% bekommt, Kandidatin B 30%, Kandidat C 20 und Kandidat D 15%, hat Frau A gewonnen – weil sie vielleicht die einzige Linke ist und die Stimmen der Rechten sich verteilt haben. Das führt dazu, das kleinere Parteien prozentual mehr Wahlanteil haben als Sitze – so die LibDems, die 2010 23% der Stimmen und 8.8% der Sitze gewannen. Die Grünen bekommen bei den EU-Wahlen ca. 10%, haben im UK-Parlament aber nur 1 Sitz. Auch toll die unterschiedliche Grösse der Wahlkreise, von 22’141 bist 103’480.

Frankreich hat dasselbe System, aber mit einem zweiten Wahlgang der zwei Bestplatzierten. Damit ist dem Problem Stimmaufsplittung Rechnung getragen, doch kleine Parteien haben auch hier fast keine Chance.

Ähnlich sieht’s in den USA und Kanada aus.

Die „demokratische Avantgarde“ ist also heute das Schlusslicht in Sachen Wahlsystem. Die Frage ist, ob da ein Zusammenhang besteht: Je länger man etwas hat, desto schwerer wird man’s los? Desto grösser muss der Knall sein? – Ich sehe da so eine Tendenz. Aber dazu müsste man sich wohl intensiver mit der Geschichte von Wahlsystemen beschäftigen.

Der Witz ist nun, dass England letzte Woche in einer Abstimmung eine Wahlrechtsreform im Verhältnis 2:1 abgelehnt hat – sie hätte nicht einmal ein mehr oder weniger repräsentatives System eingeführt (wie sie in Schottland, Wales, Nordirland seit ca. 10 Jahren bestehend für die Regionalparlamente), nein, es ging nur um eine Abschwächung der Probleme des Merheitswahlsystems (vgl. Echo-Beitrag) unter Beibehaltung der idiotischen Einerwahlkreise.

Da stellt sich die Frage: Wenn man eine Reform eines alten Systems, das aus meiner Sicht ganz klar unterlegen ist, nicht durchbringt, was läuft da falsch? Klar, da gab es noch einen Kontext. Aber es heisst auch, dass die Angst vor Reformen besseren Regelungen im Weg steht. Am krassesten zeigt sich dies, wenn man internationale Vergleiche zieht.

Und dann drängen sich ganz viele Fragen auf, die schon wieder auf einer Meta-Ebene spielen:

  • Wie viel Reform ist überhaupt nötig? Hat es nicht auch etwas Gutes, am Gewohnten festzuhalten, wenn es einigermassen funktioniert? Denn was bei den Engländerinnen und die Franzosen hinten raus kommt, steht dem, was unsere Politik produziert, nicht hintenan. Kommen wichtige Impulse nicht sowieso oft von ausserhalb der Politik (man nehme Fukushima)? Ist es demnach ein Stück weit egal, welches Wahlsystem man hat, solange es einigermassen funktioniert und am Ende alle mehr oder weniger zufrieden sind?
  • Gibt es nicht Wichtigeres als Wahlsysteme? Ist es angesichts von Armut oder Umweltzerstörung nicht etwas zynisch, sich damit zu befassen?
  • Man könnte sich ähnliche Überlegungen auch zum Sozialstaat machen (wie im oben verlinkten älteren Artikel): Wenn doch Schweden offensichtlich gut fährt mit mehr Umverteilung und z.B. staatlicher Gesundheitsversorgung, warum ist hierzulande eine Reform in diese Richtung schon undenkbar? Wieso wird sie in den USA so massiv bekämpft?

(Ich hätte da schon Antworten/Überlegungen, aber dann wächst der Artikel ins Unendliche)

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2 Antworten zu Never change teams, winning or not

  1. Titus schreibt:

    „Je länger man etwas hat, desto schwerer wird man’s los?“: Ja, dem ist leider so.

    Du kannst das auch anhand unserer Kantone sehen: Ihre Grenzziehung wie auch die Anzahl Kantone sind schon längst überholt bzw. basieren noch auf einer Schweiz anno 1848 (oder 1815/Wiener Kongress).

    Gewöhnung („es war schon immer so“), Angst vor Veränderungen und der Mangel an Vorstellungskraft des möglichen Neuen sind wohl einige Gründe dafür. Eine Veränderung der Machtverhältnisse sind ein anderer wichtiger Grund.

    Die Partei mit der Mehrheit hat nie ein Interesse daran, die Machtverhältnisse bzw. das Wahlsystem zu verändern, es würde ja höchstens zu ihren Ungunsten ausfallen. Die Minderheiten haben logischerweise keine Chance für eine Veränderung. Und Volksinitiativen, welche dies ändern könnte, gibt es in diesen Ländern nicht in dieser Form. Wie also soll sich da etwas verändern?

  2. Kim schreibt:

    Hehe, da spricht der Pessimist 😉 Den habe ich auch in mir, aber ich habe auch einen Optimisten, der mir Gegenbeispiele auftischt: Die Einführung der Proporzwahl für den Nationalrat, die AHV, der New Deal in den USA, … – darum weiss ich nicht, wie pessimistisch ich sein sollte. Oder eher denken, die Zeit wird schon kommen. Obwohl ich natürlich gerne hätte, vieles würde schneller gehen… Das war ja der Impuls für diesen Blogbeitrag.

    Machtverhältnisse, da sind wir Mitten im Dilemma. Aber die kann man ja ändern. Oder sie ändern sich. Wie man gerade bei der Energiedebatte sieht. Endlich! Hätte man vor 20 Jahren begonnen, erneuerbare Energien zu fördern… Aber eben. Vielleicht ist tiefgreifende Reform einfach nur unter bestimmten Umständen, in sensiblen Zeitfenstern möglich? Ist natürlich auch übel, wenn es jedesmal zuerst eine Katastrophe braucht 😦

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