Serie bedingungsloses Grundeinkommen (2): Wandel ermöglichen

Serie bGE 272Einige Zeit ist’s her, viel hatte ich mir vorgenommen. Nun denn, auf geht’s. Ein Gedanke wird ausgebreitet und mit den Ideen hinter dem BGE verknüpft.

Behauptung: Ein bedingungsloses Grundeinkommen ermöglicht Wandel.

Strukturwandel ist ein Wort, welches öfters im Zuge von Sachzwang-Argumentationen oder halbverständlichen, willkürlich scheinenden ökonomischen Analysen zur Anwendung kommt. Schlimmer ist nur der Euphemismus Umstrukturierung, Feigenblatt für Entlassungen. Dabei beschreibt Strukturwandel einen Vorgang, den es zu verstehen gilt, damit man probieren kann, ihn so zu gestalten, dass er glimpflich abläuft oder sogar zu einer besseren wirtschaftlichen Organisation führt. Nicht besser um ihrer selbst willen, wie es das Ideal des wirtschaftlichen Liberalismus ist, sondern besser für die Menschen. Weniger Leerlauf, weniger nutzlose Arbeit, mehr Effizienz, mehr übriges Geld – das dank dem BGE allen zu Gute kommt.

Konkret: Es gibt Wirtschaftszweige, die hinfällig werden oder sich krass verändern. Zum Beispiel im Energiesektor: AKWs oder Kohlenkraftwerke sollen abgeschaltet werden. Dann kommt das Argument, damit gingen Arbeitsplätze verloren. Als Linker steht man damit vor einem Dilemma: Umwelt kaputt machen, um Arbeitsplätze zu erhalten? Das kann’s ja nicht sein! Aber hunderte, tausende Leute im Namen des Fortschrittes auf die Strasse stellen? Kann’s auch nicht sein.

Wenn man nun eine grössere Perspektive einnimmt und einen längeren Zeitabschnitt betrachtet, wird augenfällig: Es braucht heute viel weniger Arbeit, um dasselbe Endprodukt hervorzubringen, weil wir maschinelle Hilfe haben. Wenn wir nur Arbeitsplätze anschauen, war die Erfindung des Förderbandes, automatisierter Züge oder des Mähdreschers schrecklich – aber technologischer Fortschritt ist eigentlich doch toll, denn er nimmt uns Arbeit ab! Dafür haben doch unsere Vorfahren gerackert – nicht, damit wir dieselben Scheissjobs wie sie machen, die sie zwar hassten, aber im Nachhinein zur Lebensschule verklären. Die Automatisierung führt dazu, dass uns viele unannehmliche Arbeiten abgenommen werden. Ein Teil der dadurch freiwerdenden Arbeitskräfte können nun andere Arbeiten verrichten, aber ein anderer Teil hat keine Arbeit mehr. Und hier kommt das BGE ins Spiel: Es verteilt einen beträchtlichen Teil des Volkseinkommens, weil er auf der Arbeit unserer Vorfahren basiert, die den technologischen Fortschritt ermöglicht hat. (Nun habe ich nicht VWL studiert und damit die Fähigkeit erworben, hundertprozentig eintreffende Voraussagen über die Wirtschaftsentwicklung zu machen und weiss deshalb nicht, ob es wirklich mehr Arbeitslose gäbe, würde man Arbeitsplätze nicht mehr künstlich erhalten – darauf wäre das BGE dann auch keine Antwort. Aber ich habe den Eindruck, es wird an einem anderen Ort neue Arbeit geben. Zum Beispiel durch längere Ladenöffnungszeiten. Im Pflegebereich. In der Bildung. Und in Bereichen, deren Sinn wir direkt nicht fassen können – aber eigentlich wollen wir doch alle tolle Kunst und Kultur um uns haben („Kreativwirtschaft“) und WissenschaftlerInnen, die sich zu jedem erdenklichen Aspekt des Lebens Gedanken machen, auch wenn alle so tun, als sei das keine ehrenwerte Arbeit.)

Ist also jeglicher Wandel toll? Nöö. Aber an Dingen festzuhalten, weil sie „immer“ so waren, ist auch Blödsinn. Das Ziel unserer Arbeit ist, uns von der Arbeit zu befreien. Ein Bauernbetrieb produziert heute mit gleich vielen Leuten ein Vielfaches von dem, was er früher zu leisten im Stande war, auch mit biologischer Produktion. Dieser Strukturwandel ist gut. Schlecht ist, wenn nur diejenigen daran Anteil haben, die in der gesellschaftlichen Hierarchie oben stehen. Wenn alle Anteil haben, werden neue Impulse freigesetzt – Die Chancen des Strukturwandels sind keine Worthülsen mehr.

Zurück zur Arbeitsplatz-Verlust-Diskussion. Oft sind diejenigen, die eigentlich nichts anderes tun als ständig mit Nachdruck dieses Argument vorzubringen, ohne Augen für den grösseren Zusammenhang zu haben, die Gewerkschaften. Gewerkschaften waren sehr wichtig vor hundert Jahren, und es ist auch heute noch wichtig, die Interessen der ArbeitnehmerInnen zu bündeln – aber sie stehen mit ihrer einseitigen Perspektive, dem Beharren auf „mehr Arbeitsplätze ist gut“, auch Veränderungen im Wege.

Hätten alle ein Grundeinkommen, würde das Arbeitsplatz-Argument nicht mehr so stark ziehen. Es könnte mehr gewagt werden. Alte Industrien könnten umgebaut werden, wenn es Zeit ist, und nicht erst zwanzig Jahre später. Dadurch wird weniger Geld für Ineffizientes verlocht und mehr in die Zukunft investiert. Dies nicht einmal so stark, weil die Sicherung besser ist, sondern weil man weiss, dass es sie gibt. Es wäre keine Schande mehr, vorübergehend arbeitslos zu sein, sondern Teil einer dynamischen Wirtschaft – so ähnlich wie das beim dänischen Modell der Fall ist, einfach ohne den nicht (mehr) erreichbaren Idealzustand Vollbeschäftigung, der als Vorstellung über allen Sozialstaat-Diskussionen schwebt.

Dort, wo der Strukturwandel bereits in vollem Gange ist, zum Beispiel beim Journalismus, würde das BGE die negativen Auswirkungen abfedern – schneller einmal würden freischaffende Journis statt zu einer Bezahlung unter dem Mindestlohn zu arbeiten, sich zusammentun und das Internet entern – und damit einen Gegenpol zur Unstrukturierung formieren, wie sie sich die grossen Medienhäuser vorstellen.

Das BGE beschleunigt also wirtschaftlichen Wandel, weil Arbeitsplätze nicht mehr um ihrer selbst willen erhalten werden müssten. So ist die Wirtschaft für die Zukunft gerüstet. Aber sie federt auch die negativen Seiten von Strukturwandelprozessen ab: Der Verlust von Arbeitsplätzen wäre nicht mehr so schlimm, weil das Einkommen teilweise davon entkoppelt wäre (hier ist nochmals zu betonen: Es ist nicht die Idee des BGE, die Arbeitslosenversicherung zu ersetzen, da sie über das BGE hinausgeht).

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