BGE (4): Menschenbild

Serie bGE 272Das Wunderkästchen bedingungsloses Grundeinkommen lädt auch ein, über Menschenbilder nachzudenken: Wie sind sie, die Menschen? Faul? Kreativ? Gewillt? Gehemmt? Gechillt? Alles gleichzeitig oder nebeneinander? Wollen sie, können aber nicht? Sollten sie, wollen aber nicht und müssen deshalbt gezwungen werden? Arbeiten wir, weil wir müssen, oder weil wir wollen? Was heisst wollen? Ist wollen nur echt, wenn es Spass macht, und alles andere ist nur etwas, das wir meinen zu wollen, das aber von aussen aufgezwungen ist?

Klagen wie „Ach, ich muss wieder so viel arbeiten, es ist schrecklich.“ gehören zum Standard-Repetoire, gleich neben „Das Wetter ist schön heute.“. Aber meinen wir das wirklich? Ein solcher Ausspruch impliziert, dass wir eigentlich lieber gar nichts tun würden und unser Ideal das der römlischen Dichter ist: Die Musse. Doch dies ist nur eine Konvention, eingeübtes Blabla und kollektive Selbsttäuschung – wobei mir nicht klar ist, wie viele das Spiel durchschauen. Es ist eine Strategie der Selbstdarstellung. Ich bin StudentInnen begegnet, die bei jedem Treffen ein Klagelied darauf anstimmten, dass sie so viel lernen/schreiben und daneben noch arbeiten müssten. Wenn sie jedoch einmal alle Prüfungen abgelegt hatten und Zeit zur Musse gehabt hätten, stürzten sie sich in drei Projekte gleichzeitig.

Deshalb meine Forderung: Seid einmal ehrlich mit euch selbst. Macht ihr das nicht, weil ihr es gern tut? Warum sonst nehmt ihr das alles auf euch? Macht ihr das alles nur, weil ihr meint, jemand verlange es von euch? Ist es wirklich eine derartige Selbstkasteiung, als die ihr es darstellt?

Ich würde sagen: Meistens nicht. Wir müssen also differenzieren zwischen verschiedenen Arten des Wollens. Die meisten Dinge, inklusive denen, die wir nicht „wollen“, wollen wir eben doch machen, und zwar, weil wir sie für sinnvoll halten: Arbeiten. Das Klo putzen. Zeit mit den schreienden Kindern verbringen. Das ist zwar anstrengend, gibt uns aber Genugtuung und unserem Leben Sinn. Sinn ist nicht die Abwesenheit aller mühsamen Tätigkeiten und ergo nicht Musse. Oder warum setzt sich wohl geschätzt nicht einmal jedeR zehnte MultimillionärIn auf einer Karibikinsel zur Ruhe und verschreibt sich dem „süssen“ Nichtstun? (An dieser Stelle sei angemerkt, dass es auch andere Fälle gibt: Fälle wirtschaftlicher Zwänge, Fälle von unerfüllbaren Anforderungen an sich selbst aufgrund äusseren Druckes – die wirtschaftlichen Zwänge versucht das BGE ebenfalls zu entschärfen.)

Glück ist, wage ich zu behaupten, etwas zu tun. Besser noch als einfach irgendetwas, das einen gerade mal vor dem Horror vacui bewahrt, etwas Sinnvolles. Aber in unseren Köpfen scheint der Glaube fest verankert zu sein, dass wir im Grunde alle faul sind und zum Arbeiten gezwungen werden müssen (oder noch besser: nicht man selbst, aber die anderen).

Auch von der Seite der Betriebswirtschaft beschäftigte man sich mit Menschenbildern: Douglas McGregor prägte die Begriffe Theorie X („Der Mensch ist faul und muss zum Arbeiten gezwungen werden“) und Theorie Y („Der Mensch ist von sich aus motiviert zu arbeiten, wenn er sich mit den Zielen einer Unternehmung identifizieren kann“). Er lehnte Theorie X rundweg ab (allerdings scheint das dann im Human-Ressources-Denken zu gipfeln, was den Akzent eher darauf legt, durch welche Behandlung man den grössten Nutzen aus den Menschen ziehen kann – dass sie dabei glücklicher sind, scheint zweitrangig) – genauer nachlesen kann man das z.B. in der Wikipedia.

Das BGE ist ein Vertrauensvorschuss. Es sagt: Die Gesellschaft glaubt, dass die meisten Leute von sich aus etwas beitragen wollen und nicht ihren Job hinschmeissen und auf der faulen Haut liegen würden, auch wenn sie bedingungslos Geld für ihre Grundbedürfnisse bekämen – denn sie arbeiten in erster Linie, weil es ihrem Leben Sinn gibt, nicht, weil sie sonst nichts zu essen hätten. Der „Anreiz“ zu arbeiten ist, etwas tun zu wollen, das einen manchmal vielleicht aufreibt, aber auch ausfüllt. So auch Matt Damon in einem etwas anderen Zusammenhang:

Das BGE ist die Konsequenz aus einem positiven Menschenbild: Wir glauben an die Lust, die Kreativität, die Neugier der Menschen und daran, dass sie von sich aus etwas geben, wenn das Umfeld stimmt. Es ist nicht nötig, Leute mit dem Damoklesschwert „wirtschaftlicher Abstieg“ zu ihrem Glück zu zwingen – die überwiegende Mehrheit weiss schon selbst oder wird schnell merken, dass endloses Faulenzen nicht Glückseligkeit bedeutet. Und Sinn, Glück und Selbstverwirklichung wird endlich dorthin gestellt, wo es hingehört: Ins Zentrum. Im Gegensatz zum Arbeiten ist es ein Wert. Arbeit dagegen ist nur ein Mittel, welches zum persönlichen Glück beiträgt. Wir sind nicht zum arbeiten da, sondern wir arbeiten, damit es uns allen besser geht – psychisch und wirtschaftlich (wobei dahinter eigentlich auch die Hoffnung steht, dass es einem dadurch psychisch besser geht).

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