Wer braucht eigentlich die FDP?

Mit Dick Marty tritt dieses Jahr der letzte echte Liberale ab. Der Rest dümpelt irgendwo zwischen Bankenlobbyismus (prominentestes Beispiel: Ex-Bundesrat Merz), Wirtschaft über das Wohl der Menschen stellen (a.k.a. Neoliberalismus) und Trittbrettfahrerei herum: „Wir sind auch voll für die Schweiz! Und äh, für unliberale Immigrationspolitik sind wir auch, wenn das alle wollen! Und für den Atomausstieg auch, aber eigentlich nicht, also schon, wenn ihr das verlangt, aber ähm eigentlich wissen wird selbst nicht mehr, wofür wir sind. Jedenfalls wollen wir auch dabei sein.“

Pelli bemitleidet man mittlerweile, wenn man ihn reden hört, weil er entweder seine Positionen nicht einmal mehr gut verkaufen kann (vielleicht weil sie so absurd sind) oder sich beklagt, dass die FDP von allen so unfair behandelt werde.

Für liberale Anliegen wie Gleichstellung der Geschlechter, Adoption durch Homosexuelle, Chancengleichheit, transparente Parteien- und Abstimmungsfinanzierung oder Hanflegalisierung würde sich diese Partei niemals aus dem Fenster lehnen. Der ganze Schnauf geht schliesslich schon drauf für Steuererleichterungen für Reiche und Grossunternehmen und die Anhimmlung der heiligen Kuh „freier Markt“, die ja viel wichtiger ist als die Menschen und die Umwelt.

Noch schlimmer die Jungen: Bei denen geht es in der Essenz immer nur um Geld. Lebensqualität drückt sich in Geld aus. Steuern runter, Staat runter, Wettbewerb zwischen Kantonen, Schülern, Arbeitnehmern, mir und dir. Neu zuziehenden Unternehmen und reichen Ausländern dafür etwas zustecken. Erfolg, das eigene Häuschen (unvergessen der Leserbrief, wo sich ein 25-jähriger Jungfreisinniger beschwert, dass alle seine Bekannten in Zürich schon ein Eigenheim im Grünen hätten, man sich das in Schaffhausen aber wegen der hohen Steuern nicht leisten könne, und deshalb alle nach Zürich auswanderten), Karriere, Leistung – wobei man die eigene Leistung nicht dadurch schmälern will, dass man genau hinschaut, warum andere nicht an der Spitze stehen. Aber wer will schon analysieren, warum die meisten Kantischüler aus der Mittel- und Oberschicht kommen, wenn man selbst aus der Mittel- oder Oberschicht kommt. Darum sollen sich andere kümmern. Young fresh urban selbstfixiert.

Liebe FDP, ich danke euch für den Bundesstaat und die AHV, ihr habt ganze Arbeit geleistet und ein wunderbares Fundament gelegt. Aber man muss wissen, wann es vorbei ist. Liberal seid ihr nicht mehr, nur noch Apologeten der Umverteilung von unten nach oben. Euer Abstieg geschieht zu Recht. Jemand anderes wird die Fackel weitertragen. Berlin hat’s vorgemacht: Die FDP durch Piraten ersetzen, da hat man dann zumindest richtige Liberale in Parlament, nicht diese elende Wirtschaftslobby. Danke für den Fisch und tschüss.

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5 Antworten zu Wer braucht eigentlich die FDP?

  1. Hausfrau Hanna schreibt:

    Spannend, deine Gedanken!
    Soeben habe ich auf meiner bevorzugten Parteienliste herumgewerkelt (panaschiert) und anstelle der beiden Weggestrichenen zwei Piraten hineingeschrieben 🙂
    Ein herzliches Tschüss
    Hausfrau Hanna

  2. Hausfrau Hanna schreibt:

    PS. Damit das klar ist: Meine bevorzugte Parteienliste ist im Fall n i c h t die FDP. Aber auch die SP kann etwas Auffrischung gebrauchen…

  3. Kim schreibt:

    Hehe, hätte ich dir auch nicht unterstellt 😉
    Jetzt mach ich schon Werbung für die Piraten, dabei mag ich die gar nicht sooo besonders… Naja, vielleicht würden ein Paar Piraten wirklich gut tun. Ich weiss einfach nicht, wie die einzuordnen sind – Mir scheint, je nach Region sind sie ganz unterschiedlich drauf: In Schweden grün, in Berlin linksliberal, in der Schweiz so mehr oder weniger linksliberal, im Aargau noch liberal 😉 Wenn sie dann jedenfalls wie die Grünliberalen (die ich hier nenne, weil sie ebenfalls wahnsinnig darauf bedacht sind, sich als neue, unabhängige, nicht einzuordnende Kraft zu präsentieren) ein paar Millionen zum Ausbau des ÖV für Behinderte (wie bei ivinfo zu lesen) verweigern, fänd ich das z.B. dann ziemlich daneben.

  4. Alice schreibt:

    Ich mag die Piraten überhaupt nicht. Zu einseitig, zu fixiert auf ganz wenige Themen, und vor allem eins: alles im Internet gratis haben (was auch den massiven Abbau des Copyrights u.a. für Autoren bedeutet). Und dann lässt man seine Motion (wenn man mal eine hat), ausgerechnet durch einen SVP-ler im Parlament einreichen. Kurz: Eine Autopartei für die freie Fahrt im Internet. Nein, danke. Ähnlich geht’s mir mit den Grünliberalen. Auch die wähle ich nicht. Ein bisschen grüner Anstrich über ein paar elend schäbige Sozialsparmassnahmen gepappt, reicht mir nicht.

    Wählen finde ich dieses Jahr extrem schwierig. Ich würde es bleiben lassen, wenn da nicht eine SVP wäre, die ihre Sympathisanten alle an die Urne bringt. Ich will Ende Oktober nicht in einer Schweiz erwachen, in der die SVP immer näher an ihre 50 Prozent rückt. Also fülle ich mit wenig Feuer und wenig Begeisterung handgeschrieben eine eigene Liste.

  5. Kim schreibt:

    Zu den Piraten:
    Sie sind eben nicht links oder rechts, sondern „vorne“. Sowas finde ich lächerlich. Deshalb sind sie bei Pakten wohl auch nicht wählerisch, z.B. in ZH mit der AL aber dann eben auch mit Lukas Reimann. Und dann scheinen sie mir zu technokratisch.
    Aber bei Urheberrecht/Copyright brauchen wir IMHO eine neue Regelung, denn die momentane schützt zwar zu vielleicht 10% die Autorinnen, Musiker und anderen Kreativen, doch zu 90% schaufelt sie Geld zu grossen Firmen, die dann eine solche Macht entwickeln, dass man sich nicht mehr traut, Musik unter sein Ferienvideo zu legen, oder die es unmöglich macht, Studienliteratur jemals einfach zugänglich und durchsuchbar zu beziehen. – Und klar, wenn dabei auch die 10% derer, für die das Copyright gedacht war, unter die Räder kommen, kann’s das auch nicht sein. Das würde ich den Piraten aber nicht von Vornherein vorwerfen. Sie sind nämlich diejenigen, die sich am ehesten ein paar Gedanken dazu machen.
    Bei der Berlin-Wahl hatte ich das Gefühl, dass die Piraten etwas wie „die Linksliberalen des 21. Jahrhunderts“ werden könnten und den alten linken und liberalen Parteien gut tun werden, weil sie die Ideale noch im Blick haben und nach neuen Wegen suchen – mais on va voir.

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