Petition Gleiche Chancen für alle Familien

Im Parlament wurde abgestimmt darüber, ob homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen sollen.

Es ging konkret um eine Petition des Vereins „Familienchancen“, welche die vorbereitende Nationalratskommission zur Ablehnung empfahl (Diskussion). So geschah es denn auch, wenig überraschend. Spannend sind folgende „Nebenschauplätze“:

Aus dem Abstimmungsprotokoll sieht man wieder einmal, dass die SP, die Grünen (und die Grünliberalen) liberaler sind als die anderen Parteien. Sie waren geschlossen für die Petition (und stimmten deshalb Nein zum Antrag der Kommission, auf die Petition nicht einzutreten). Die FDP war gespalten und die CVP mehrheitlich dagegen.

Die $VP war ebenfalls dagegen, mit zwei Ausnahmen: Thomas Fuchs, der selbst homosexuell ist, und Thomas Hurter, Nationalrat von Schaffhausen. Dies überraschte mich und ich fragte per Mail bei Herrn Hurter nach. Seine Antwort war, dass es ihm um das Kindeswohl gegangen sei – dass der Partner/die Partnerin im Todesfall des einen Elternteils das Sorgerecht behält. Dies ist für mich nichts als logisch, für die Mehrheit von Hurters Partei jedoch weniger wichtig als der Erhalt eines veralteten Familienmodells. Eine weniger allgemeine Antwort ist wohl nicht zu kriegen, weshalb ich weiterhin nicht weiss, was ich denken soll: Entweder ist Hurter ein echter Liberaler und Freidenker in seiner Partei, oder er hat aufgrund der Formulierung mit negativem Vorzeichen falsch gestimmt und will es nicht zugeben (dementiert er ausdrücklich, edit 5.10.11), oder er kennt einfach jemanden gut, der homosexuell ist – womit es etwas dasselbe wäre wie bei Thomas Fuchs (ich nehme mal an, er kennt sich).

Interessant auch das Abstimmungsverhalten der BDP: 1 pro, 1 contra, 3 Enthaltungen.

Im Tagimagi vom Samstag (39/11) ist zu lesen: [Claude Longchamp:] «Die Schweiz ist liberal, wenn es um die private Identität geht», die gleichgeschlechtliche Ehe zum Beispiel oder die Abtreibung, da sei sie wie Holland oder Schweden. «Aber beim Sturmgewehr hört die Weltoffenheit auf, weil das die kollektive Identität betrifft. Da ist die Schweiz konservativ.» – Der Gegensatz „private“ und „kollektive“ Identität scheint mir zwar nachvollziehbar und hilfreich, doch er ist nicht präzise. Ausser man schränkt gleich wieder ein: Ganz so liberal wie Schweden und Holland geht es hierzulande dann doch nicht zu und her. Denn dort wurde Regenbogenfamilien-Adoption 2002 bzw. 2005 legalisiert. Zu der Zeit war man in der Schweiz froh, dass das Partnerschaftsgesetz durchkam – in dem Adoption ausdrücklich verboten ist.

Update 17.11.11: Jetzt tut sich vielleicht doch noch was in Sachen Stiefkindadoption

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Realpolitik, Schweiz veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Petition Gleiche Chancen für alle Familien

  1. Alice schreibt:

    Ein Lagebericht vom Land: Egal, was gegen aussen gesagt und vertreten wird, viele Menschen finden Homosexualität immer noch etwas „Krankes“. Es ist nicht nur die ältere Generation, die so denkt, man findet das auch bei den Jungen. Ich finde es für jemandem auf dem Land immer noch sehr schwierig, homosexuell zu sein, und längst nicht jede(r) kann dazu stehen oder schafft es, in diesem Umfeld dazu zu stehen (man muss schon ziemlich stark sein). In diesem Zusammenhang erstaunt es mich nicht, dass bürgerliche Parteien ihre Wählerschaft auf dem Land nicht vergraueln wollen. So gerne ich an diese von Claude Langchamps vertretene Liberalität im privaten Bereich glauben würde: Ich erlebe leider öfters das Gegenteil.

  2. Titus schreibt:

    Ich wohne zwar schon lange nicht mehr auf dem Land, kann aber Alice‘ Einschätzung gut nachvollziehen. Es braucht wohl noch einige Jahre, bis das ändert. Das ist etwa wie mit den Scheidungen: Noch vor 20 Jahren war eine Scheidung in einem Dorf das Ereignis des Jahres („ja aber die doch nicht!“), heute nimmt man Scheidungen ebenso mit Schulterzucken zur Kenntnis wie die neuen Lebenspartner/-innen der nun Geschiedenen.

    Hilfreich bei dieser Entwicklung sind sicher auch Erscheinungen wie die GaySVP (dessen Präsident übrigens ein Bieler ist). Sie können altes Gedankengut selbst bei Konservativen aufbrechen.

  3. Kim schreibt:

    Zum Land kann ich ebenfalls nicht viel sagen, da ich vor fast 10 Jahren in die Stadt zog und damals noch keine ausgeprägte politische Wahrnehmung hatte.

    Was etwas anders ist bei Scheidung und Homosexualität: Scheidung=böse ist IMHO eine ziemlich willkürliche Kirchenmoral, deren Ableben niemanden stört. V.a. Schwule (Lesben viel weniger) stören ein männliches Selbstbild, das auf dem Land wohl noch weiter verbreitet ist: starker Mann beschützt Frau, Mann trinkt und macht schwere Arbeit, Frau erzieht Kinder. – Aber dieses Bild bekommt je länger je mehr natürlich Risse, weil sich die Arbeitswelt auch auf dem Land verändert, mehr Frauen arbeiten und der Dienstleistungssektor anteilsmässig wächst (ich behaupte mal, noch immer). Deshalb würde ich Titus‘ Einschätzung teilen, dass es eine Frage der Zeit ist und schwule SVPler würde ich durchaus als „Symptom“ sehen, dass sich da etwas tut.

    Natürlich würde dieser Prozess mit einer fortschrittlicheren Politik schneller gehen: Schweden hat 1970 die getrennte Besteuerung auch in der Ehe eingeführt, was längerfristig einen Gleichstellungsschub zur Folge hatte. Ich glaube, solche Entwicklungen haben viel Einfluss auf die Akzeptanz von Homosexuellen, weil sie die traditionellen Familien- und Geschlechterbilder in Frage stellen. Es sagt aus: Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch. Alle sind zuallererst Individuen, nicht Männer, Frauen, Lesben oder Schwule.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s