Was heisst schon…

Manchmal wundert man sich, wie seltsam Begriffe eigentlich besetzt bzw. konnotiert sind und macht sich haarspalterische Gedanken darüber, was sie eeeeeigentlich heissen. Hier meine.

…bürgerlich?

Bürgerlich wird (in der Schweiz) für alles verwendet, was nicht links ist. Das ist historisch erklärbar, hat aber einen etwas seltsamen Beigeschmack – warum soll kein Bürger/keine Bürgerin sein, wer für Umverteilung ist bzw. warum soll, wer im Bürgertum, so es denn noch so etwas gibt, angekommen ist, nicht für Umverteilung sein?

…liberal? (Liberal! Hach! Der heilige politische Gral! Wer will schon nicht liberal sein?)

Liberale Politik zielt darauf ab, möglichst vielen Leuten die grösstmögliche Freiheit zu verschaffen. Doch bei der Frage, welche politischen Positionen das nach sich zieht, trennen sich schon die Geister: Meist wird liberal so verstanden, dass ein wenig einflussreicher Staat per se besser ist, aus der Überzeugung, dass mehr Staat weniger Freiheit für das Individuum bedeutet. Das mag in manchen Sitationen stimmen, in anderen jedoch überhaupt nicht: Staatliche Unterstützung ermöglicht vielen Leuten überhaupt erst ein Minimum an Freiheit.

Es gilt als liberal, Unternehmen machen zu lassen, was sie wollen – aber nimmt es nicht Freiheit weg, wenn Unternehmen alles dürfen? Hat das nicht negativen Einfluss auf die Individuelle Freiheit? Ist es nicht eher Laissez-faire als liberal, grossen Institutionen Freiheit zugestehen, die darauf den viel weniger mächtigen Einzelpersonen Freiheit wegnehmen? Die Formel „möglichst wenig Umverteilung und Vorschriften führen zwingend zu mehr Freiheit“ ist eine Verallgemeinerung, die jedes Bhopal-Opfer und jede Hartz-IV-Bezügerin Lügen strafen.

Der Mythos von „jeder kann’s schaffen“ zu vertreten, wenn man weiss, dass es eben nicht jeder schafft, und als Frau oder Arbeitersohn noch weniger wahrscheinlich, ist nicht liberal, sondern laissez-faire. Hier braucht es meines Erachtens Eingriffe im Sinne der des Ausgleichs der Chancen und damit Verteilung der Freiheit. Echte Liberale müssten verschiedene Freiheiten und Zwänge gegeneinander abwägen und durch Politik die Bedingungen schaffen, dass sie ausgewogen sind. In der Schweiz ist die soziale Mobilität und Chancengleichheit derb verbesserungsfähig, ausserdem ist die Vermögensschere riesig, und Geld ist Macht und Freiheit: Die Freiheit, in der Innenstadt zu wohnen, oder die Macht, am Arbeitsplatz Forderungen zu stellen, weil das Risiko einer Entlassung viel weniger schlimm ist, wenn man nicht am Limit lebt.

Und auf der Gesellschaftsebene: Der Freiheit des Einzelnen nicht im Weg stehen. Gleichstellung der Geschlechter, vollständige Gleichstellung verschiedener Lebensformen, Trennung von Kirche und Staat, Hanflegalisierung. Toleranz statt Bevormundung. Aber auch das ist ein Abwägen: Denn ab einem bestimmten Punkt gibt Bevormundung jemand anderem mehr Freiheit, als sie wegnimmt. Hervorragende Voraussetzungen, um sich in der Realpolitik in diesem Punkt uneins zu sein und jeden Zentimeter als ein Unterschied von Welten darzustellen.

…links?

Im besten Fall: Das konsequente Liberal. (Das wäre dann mein Ding. Egal, ob unter dem Label links oder liberal.)

Im schlechtesten Fall: Mehr gegen die Mächtigen statt für die Ohnmächtigen, Klientelpolitik statt Visionen, Fortschrittsfeindlichkeit weil mit Verändung Verlust von Arbeitsplätzen verbunden sein könnte, willkürliche moralische Vorstellungen allen aufdrängen wollen (bis hin zu kommunistischem Kollektivismus)

…progressiv?

Klingt total cool. Liberal minus miefig. In meiner Wahrnehmung v.a. auf Englisch in der Bedeutung unseres liberal verwendet, da dies dort linksliberal bedeutet. Gegensatz zu konservativ: Nicht bewahrend, sondern fortschrittlich. Das Problem am Fortschritt ist jedoch die Implikation, etwas werde besser, doch was z.B. David Cameron als progressiv, also Verbesserungen, anpreist, halte ich tendenziell für schrecklich.

edit 1.12.11: Im Guardian wird verhandelt, ob „leftwing“ als Schimpfwort herhalten kann und soll, wobei auch „liberal“ und „progressive“ gestreift werden.

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Eine Antwort zu Was heisst schon…

  1. Pingback: Die Freiheit, die ich meine | Nichts ist klar.

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