BGE (5): Gewerkschaften müssen sterben

Serie bGE 272In naher Zukunft könnten im Migros oder Coop KassiererInnen durch RFID-Chips „ersetzt“ werden. Der Gewerkschaftler ist schon mal vorsorglich kritisch, weil dadurch Arbeitsplätze verloren gehen könnten.

Dieses Denken ist Humbug. Technischer Fortschritt, der uns Arbeit abnimmt, ist doch etwas Positives. Klar ist nicht alles Singen und Blumenwiese. Aber muss man sich immer gleich reflexartig gegen jeglichen Strukturwandel stemmen, weil sich dadurch Tätigkeitsfelder verändern?

In der Konsequenz würde eine solche Fortschrittsfeindlichkeit bedeuten, dass die Arbeitswelt genauso bleiben soll wie jetzt, am besten für immer. Arbeit ist zwar in der Tat erfüllend, aber nur wenn sie sinnvoll ist. Damit sie sinnvoll ist, muss sie auch einen Zweck haben. Wenn der technische Fortschritt die Arbeit überflüssig macht, sind Zweck und Sinn dahin – oder sollten wir die Felder besser von Hand bewirtschaften, weil Traktoren und Mähdrescher Arbeitsplätze überflüssig machen? (Wobei dieses Votum für Effizienzsteigerung nicht so zu verstehen ist, dass selbst kochen oder der Garten vor dem Haus blöd wären, weil nicht effizient. Es geht darum, dass mehr Wertschöpfung mit weniger Anstrengung Freiheit schafft.)

Und dann ist noch nicht einmal bewiesen, dass Arbeit verloren geht. Meistens verändern sich einfach die Tätigkeiten, die Menschen verrichten, wenn Maschinen uns Arbeit abnehmen – wie die Kassiererin im Beitrag sagt: „Personal braucht es so oder so, da es immer Situationen gibt, wo Kunden Hilfe benötigen.“ Bezeichnend ist ja, dass die Gewerkschaften schon bei der Einführung von Strichcodes mit dem Anti-Fortschritts-Reflex aufgefahren sind.

Warum fordern Gewerkschaften nicht die 35-Stunden-Woche, wenn sie überzeugt sind, dass die Arbeit ausgeht? Oder bessere Sozialversicherungen (oder gleich ein bedingungsloses Grundeinkommen)? Warum kämpfen sie gegen Windmühlen, also gegen jeden Strukturwandel, statt das Problem an der Wurzel anzugehen?

Der Punkt ist: Die Arbeit, die wir verrichten, hat sich in den letzten hundert Jahren drastisch verändert. Wir arbeiten weniger und bewirken damit mehr. Das ist schön, denn wir arbeiten, um uns von der Arbeit zu befreien – um die Arbeit machen zu können, die wir für sinnvoll halten, denn etwas tun müssen wir wohl auch noch, wenn wir nicht müssten (und dieser Tag liegt wohl noch fern in der Zukunft, sollte er je kommen), weil das unserem Leben Sinn gibt. Deshalb aber gleich die Strukturen so zu behalten, dass wir zu Arbeit gezungen sind, die wir uns abnehmen lassen könnten, halte ich für etwas verquer.

Der springende Punkt ist: Wenn sich die Arbeitswelt dahingehend ändert, dass weniger Menschen gebraucht werden, weil die Arbeit uns von der Technik abgenommen wird, soll die daraus entstehende Effizienzsteigerung den Menschen zu Gute kommen – und nicht irgendwelchen Unternehmen. Und da kommt das Grundeinkommen ins Spiel. Wir müssen die Maschinen nicht davor stoppen, uns Arbeit abzunehmen. Wir müssen die grössere Wertschöpfung, die daraus resultiert, verteilen.

Und wenn Gewerkschaften nicht so verbissen gegen Fortschritt kämpfen würden, um nur ja keinen Arbeitsplatz verschwinden zu sehen (aber evtl. einen Strukturwandel zu verhindern, der neue Betätigungsfelder eröffnet), nehme ich auch gerne von der Extremforderung Abstand, dass sie sterben müssen. Denn wenn sie nicht gerade verbohrt argumentieren, leisten Gewerkschaften wichtige Arbeit, indem sie den kürzeren Hebel der ArbeitnehmerInnen etwas verlängern. Aber zum schwarz-weissen Fortschrittsbild der Gewerkschaften passt ein schwarz-weisser Titel meines Erachtens ganz hervorragend.

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2 Antworten zu BGE (5): Gewerkschaften müssen sterben

  1. Mia schreibt:

    Apropros «Maschinen nehmen uns die Arbeit ab» hab ich neulich bei der Recherche zur Sozialfirmen AG Dock in einem NZZ-Artikel Folgendes gelesen: «In einer von Dock zur Verfügung gestellten Infrastruktur verrichten Langzeitarbeitslose und ausgesteuerte IV- und Sozialhilfebezüger Industriearbeiten, welche in der Schweiz produzierende Unternehmen aus Kostengründen ins Ausland verlagert haben, oder sie übernehmen Arbeiten, die sonst von teuren Maschinen erledigt werden.»

    Statt teure Maschinen, billige Menschen, die im Sinne von Workfare an diesen „Eingliederungsmassnahmen“ teilnehmen müssen und vom Staat bezahlt werden (damit die Firmen die „teuren Maschinen“ nicht anschaffen müssen). DAS wäre doch mal ein Betätgungsfeld für die Gewerkschaften…

    Quelle: http://www.nzz.ch/nachrichten/zuerich/stadt_und_region/sozialfirma_dock_erreicht_kritische_groesse_1.13243285.html

  2. Kim schreibt:

    Phuu… Was soll man dazu sagen? :/

    Aus BGE-Sicht könnte ich anführen: Verbunden mit einem *bedingungslosen* Grundeinkommen wäre ja auch, dass der Staat niemanden mehr zu solcher Arbeit zwingen könnte.

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