Zivildienst und Wehrpflicht

Alle Zivildiensttage geleistet

Ich habe Zivildienst geleistet. 385 Tage.

Ich habe mich bewusst dafür entschieden. Ich würde behaupten, es stand mir offen, mich für den Zivilschutz einteilen oder mich gänzlich untauglich schreiben zu lassen. Ich habe den Zivildienst einerseits aus persönlichen Gründen gewählt: Ich wollte mich nicht drücken, sondern mich Situationen stellen, die nicht nur angenehm sein würden, aber von denen ich sicher auch etwas mitnehmen würde. Andererseits wollte ich die staatliche Aufforderung, einen Dienst zu leisten, mit einer dezidierten Aussage gegen die Institution Armee, Militarismus und letztlich Krieg, aber der Bereitschaft zu einem sinnvollen Beitrag beantworten – ein Gegenentwurf zu jenem Patriotismus, der sich über den Kampf fürs und den Stolz aufs Vaterland konstruiert: etwas leisten für das Land, dem ich so viel verdanke. Man könnte es auf „meinen Prinzipien gerecht werden“ herunterbrechen. Im Wort „Prinzipien“ ist nämlich sowohl die persönliche als auch die politische Motivation enthalten.

Hier soll es nun nicht um meine Einsätze im Detail gehen, sondern um mein Fazit zum Zivildienst. Daran anschliessend (wieder einmal) einige grundsätzliche Überlegungen zur Wehrpflicht aus meiner Warte.

Wie ich den Zivildienst erlebt habe

Meinen Zivildienst habe ich in zwei etwa halbjährigen Einsätzen bei einer NGO und einem Naturschutzverein geleistet. Ich habe Einblick erhalten in Tätigkeiten, die mir fremd sind, habe Arbeiten verrichtet, die ich sonst nicht ausgeübt hätte, bin Leuten begegnet, die ich sonst nicht getroffen hätte, und habe eine Ahnung von Prozessen in unserem Land gewonnen, die ich sonst nicht aus dieser Perspektive erfahren hätte. Einige von diesen Aussagen kann man über jegliche Beschäftigung treffen – man begegnet ja in den meisten Jobs oder an der Uni auch Menschen und sieht Dinge, die einem neu sind. Durch den Zivildienst kam ich jedoch in Berührung mit Leuten und Bereichen, die wohl sonst ausserhalb meines „Aktionsradius“ lägen.

Dagegen kann man natürlich einwenden, dass ich das auch ausserhalb des Zivildienstes hätte suchen können, doch ich denke nicht, dass ich dies ohne Zwang getan hätte. Man kann auch einwenden, dass man ja wohl keine Bürger zu einem Staatsdienst von über einem Jahr verpflichten muss, um ihren Horizont etwas zu erweitern; und dass die Gesellschaft mehr davon hätte, wenn ich Arbeiten verrichten würde, die meiner Ausbildung entsprechen (bzw. diese nicht für den Staatsdienst unterbrechen müsste) und niemandem Arbeit wegnehmen würde, da Zivis für einen Arbeitgeber billige (weil staatlich subventionierte) Arbeitskräfte sind. Diese Einwände sind legitim und auch Überlegungen, die ich während des Zivildienstes angestellt habe. Meines Erachtens ist ganz zentral, dass eine Arbeit sinnvoll ist. Denn wenn sie nicht zu rechtfertigen ist, ist es Beschäftigungstherapie und man braucht dafür auch keine Zivis. Zuweilen empfand ich die Arbeit so, doch übers Ganze gesehen würde ich meinen Zivildienst als sinnvoll bezeichnen. Wie sinnvoll so etwas aus Sicht der Staates oder der Gesellschaft ist, ist Abwägungssache – auf diese Abwägung werde ich im zweiten Teil zurückkommen.

Im zweiten Einsatz war ich mit anderen Zivis zusammen. Die Entscheidung, Zivildienst zu leisten, war bei den meisten viel pragmatischer als bei mir. Etwas in mir sagt, dass das okay ist und ich das nicht bewerten soll; aber andererseits hätte ich gerne ein paar Idealisten mehr getroffen (wobei ich natürlich auch pragmatische Gründe hatte, wenn das oben nicht herausgekommen sein sollte). Im Jahr 2008 wurde ja die Gewissensprüfung durch den Tatbeweis ersetzt, d.h. die grösste Zulassungshürde abgebaut, worauf die Gesuche um ein Vielfaches stiegen. Zuvor hatte ich die Vorstellung, dass die meisten derer, die nun in den Zivildienst wechselten, schon vorher mit dem Militär nichts anfangen hatten anfangen können und nun einfach der Zivildienst sein „Stigma“ verloren hatte – das stimmt vielleicht zum Teil, ist aber auch viel Wunschdenken. Nur einen kleinen Teil der Zivis, die ich getroffen habe, würde ich so einschätzen, dass sie Militär und Zivildienst ähnlich prinzipiell und moralisch wie ich sehen. Das zeigt ja schon, dass bei den meisten der Leidensdruck vor Abschaffung der Gewissensprüfung nicht genug gross war, um dem Militär den Rücken zu kehren. Oft hörte ich, Zivildienst sei einfacher mit Job/Studium kompatibel, das Militär habe angeschissen (eher persönlich als grundsätzlich) oder ein Freund habe erzählt, wechseln sei jetzt ganz einfach und Zivildienst gemütlicher. Viele meinten, die RS sei zwar okay gewesen oder das Militär brauche es schon, nicht ganz falsch lag ich mit meiner Einschätzung allerdings dahingehend, dass fast alle das Militär in der heutigen Form als nicht sinnvoll beurteilten (das höre ich übrigens auch von Bekannten, die im Militär waren oder sind).

Und noch etwas Kleines, das mir auffiel: Leute über 35 wissen meist nicht, was Zivildienst ist. Die folgende Konversation hatte ich so oder ähnlich immer wieder: „Was macht ihr denn da?“ – „Naturschutz, wir leisten Zivildienst.“ – „Ah, Zivilschutz.“ – „Nein, Zivildienst.“ Und was Zivis machen, weiss sowieso niemand. Die Gesellschaft, die einen zum Zivildienst verpflichtet hat, weiss also gar nicht, dass es ihn gibt. Eine etwas seltsame Situation.

Mein Fazit: Die Realität ist (o Wunder) viel weniger idealistisch, als ich mir das ausgemalt habe. Auch der Zivildienst ist nicht durchwegs sinnvoll (wenn auch, davon bin ich überzeugt, tausendmal sinnvoller als die Armee). Das Zeichen, dass ich mit der Entscheidung zum Zivildienst setzen wollte, kommt bei niemandem an – wenn man erzählt, man mache Zivildienst, erntet man kaum Anerkennung. Es wird nicht als politisch gesehen, als Beitrag zu unserer Gesellschaft, sondern als persönliches Schicksal. Dies deckt sich auch mit der Anmerkung im vorigen Absatz, dass wenige überhaupt wissen, was Zivildienst ist (auch meine Grosseltern haben es bis heute nicht verstanden…). Die politische Dimension ist also ein Aspekt, den ausser mir wenige im Blick haben, und somit stellt sich die Frage, wie sinnvoll mein Bestreben, die politisch richtige Entscheidung zu fällen, überhaupt ist, wenn es keinen Unterschied gemacht hätte, wenn ich mich einfach gedrückt hätte (und dies hätte man ja auch als politisches Statement gegen den ganzen Wehrpflicht-Komplex auslegen können).

Mir widerstrebt diese (sogar in der Politik) weit verbreitete Auffassung, Dinge nicht politisch und prinzipiell (≠ dogmatisch!), sondern pragmatisch zu sehen und über Lösungen (für Einzelprobleme) statt Werte (welche die gesamte Gesellschaft mitdenken) zu reden, und so möchte ich meine politische Interpretation nicht gänzlich fahren lassen. – Zivildienst (oder auch Militär) ist nicht etwas, was einem passiert, sondern etwas, das eine Gesellschaft ihren Bürgern auferlegt, und somit von Haus aus politisch.

Bleibt die persönliche Ebene. Das ist einfach: Es war keine verlorene Zeit. Das Mittel des Selbstzwangs hat für mich funktioniert (womit ich nicht sage, dass ich es gutheisse – dazu weiter unten mehr). Ich habe meine Zweifel, aber ich denke, ich würde mich wieder entscheiden, Zivildienst zu leiste statt zu „schlüüfe“.

Wehrpflicht

Die Schweiz hat die Wehrpflicht für alle männlichen Staatsangehörigen in der Verfassung festgeschrieben:

BV, Artikel 58:
Die Schweiz hat eine Armee. Diese ist grundsätzlich nach dem Milizprinzip organisiert.
[…]

BV, Artikel 59:
1. Jeder Schweizer ist verpflichtet, Militärdienst zu leisten. Das Gesetz sieht einen zivilen Ersatzdienst vor.
2. Für Schweizerinnen ist der Militärdienst freiwillig.
3. Schweizer, die weder Militär- noch Ersatzdienst leisten, schulden eine Abgabe.
[…]

Allerdings sind Ausnahmen vorgesehen. In der folgenden Tabelle habe ich versucht, die konkreten Möglichkeiten übersichtlich darzustellen. Die Zahlen sind Durchschnittswerte von 2005-2011. Die Übersicht inkl. Fussnoten mit Ergänzungen und Quellen mag der/die interessierte LeserIn als PDF herunterladen.

Dienstpflicht

Effektiv besteht ein viergliedriges System, bei dem der Zivildienst jedoch an die Militärdiensttauglichkeit gekoppelt ist. Paradoxerweise ist also der Zivildienst eine Art Anhängsel der Armee, hat aber nichts mit ihr zu tun. Diese Abhängigkeit ist historisch gewachsen, da der Zivildienst als Alternative zum Militär für Leute mit „Gewissenskonflikt“ eingeführt wurde. Wenn man über den Zivildienst spricht, muss man also auch über die Armee sprechen. Sprechen wir also zuerst über die Armee.

Die Armee

Der Zivildienst mausert sich – wie oben aus subjektiver Perspektive beschrieben – zu einer Konkurrenz zur Armee. Seit Abschaffung der Gewissensprüfung springen viele beim Militär ab. 2005 bis 2008 betrug der Anteil der zum Zivildienst Zugelassenen an den Militärdienstpflichtigen ca. 6% (Die Zahl ist nicht ganz sauber, da Zivildienstgesuche nicht zum Zeitpunkt der Aushebung gestellt werden müssen und die Zulassung sich verzögern kann – es werden also verschiedene Zeitpunkte in Relation gesetzt. Doch da es sich um Mittelwerte handelt und die Zahlen nicht gross abweichen, scheint dies vertretbar), 2009 bei über 25% (darin eingeschlossen viele Gesuche von Leuten, die nicht mehr viel Dienst zu leisten haben und genutzt haben, dass die Gewissensprüfung wegfiel), 2011 sank der Anteil wieder auf unter 20%. Für die Armee schmerzhaft ist wohl weniger der rein zahlenmässige Verlust als die Abschwächung der Pflicht: Wem’s stinkt, kann ohne grosse Anstrengung gehen. Wenn z.B. die Armee jemanden zum Weitermachen verpflichten will, kann er mit Zivildienst drohen. Da sind auch gut ausgebildete Leute dabei und solche, die befördert wurden. Das erhöht den Druck auf die Armee (aber nicht so stark, dass die Leute mit Entscheidungsmacht die Armee in ihrer heutigen Form grundsätzlich in Frage stellen würden).

Grundsätzlich kann man einer Armee vorwerfen, dass sie Krieg als Lösungsstrategie in den Vordergrund stellt und damit einer friedlicheren Welt im Weg steht. Auch in der persönlichen Entwicklung schlägt sich dies nieder.

Der Schweizer Armee in ihrer heutigen Form kann man zusätzlich vorwerfen,

  • dass sie ineffizient organisiert ist (viel warten; sinnlose Tätigkeiten – ganz prominent: in der Schweiz herumfahren oder Munition verballern, um Kontingente fürs nächste Jahr zu sichern)
  • dass sie einseitige Ansichten vermittelt und zementiert (militaristisches, konservatives, patriotisches Denken)
  • dass die ein Hort ist für die Fortpflanzung von veralteten Rollenbildern (ausführlicher im GSoA-Argumentarium)
  • dass Soldaten schikaniert und gedemütigt werden
  • dass die Armeewaffen, welche die Armeeangehörigen nach Hause nehmen, eine unnötige Gefährdung darstellen
  • und dass ihr Auftrag schwammig ist (dazu weiter unten nochmals) und sie auch im Inneren zur Unterstützung der Polizei eingesetzt wird.

Der Zivildienst

Dagegen ist der Zivildienst eine leuchtende Säule des Guten. Einerseits ist er natürlich von Haus aus harmlos weil zivil, andererseits hatte er zugegeben auch noch nicht so lange Zeit wie die Armee, um sich als Bastion der gewucherten Absonderlichkeiten zu profilieren. Allerdings gibt es auch beim Zivildienst einiges, was man kritisch beäugen kann.

Da Zivis für Einsatzbetriebe billig sind, werden sie zum Teil für Arbeiten eingesetzt, wo unsubventionierte Arbeitskräfte zu teuer wären – doch schlussendlich zahlt einfach der Staat die Differenz über den Erwerbsersatz (EO). Wenn auf diese Weise Arbeiten subventioniert werden, die nach allgemeiner Übereinkunft gemacht werden müssen, ist das okay. Natürlich gibt es Anforderungen, denen ein Einsatzbetrieb genügen muss. Trotzdem besteht die Gefahr, dass der Zivildienst zur einer Sonderwirtschaftszone verkommt, wo primitive Arbeiten verrichtet werden, die man auf guten Gründen sonst Maschinen überlässt oder sein lässt, weil es zu wenig bringt – so kam es mir im Naturschutz zuweilen vor. Wenn der Zivildienst weiter wächst, kann der Zivildienst auch zu einem Dumpinglohn-Segment führen, das den Arbeitsmarkt aushöhlt. So waren in Deutschland Zivis vor der Aussetzung der Wehrpflicht in der Pflege z.T. fester Bestandteil.

„Eine idiotische Beschäftigungstherapie für Leute, die keine nötig haben“ nennt David Roth von der Juso den Umstand (Club auf SF1 „Wehrpflicht abschaffen“, Min. 20), dass gut ausgebildete Leute z.B. ein Altersheim putzen gehen – und recht hat er. Wer eine gute Ausbildung hat, möchte in seinem Beruf arbeiten, und nicht zu einer Arbeit gezwungen werden, für die er überqualifiziert ist – und dabei vielleicht sogar noch jemandem den Job wegnehmen. Ein volkswirtschaftlicher Irrsinn.

Dann gibt es noch den Spezialfall, dass, wer direkt nach dem Uniabschluss (Master) einen Dienst leistet, den EO-Maximalansatz von ca. 6000 Fr./Monat erhält. Dies betrifft auch das Militär, aber der Zivildienst lässt sich gut zeitlich so legen, dass man davon profitieren kann. Der Schaden ist nicht riesig, wenn dies einige Leute machen (und wenn sie den Zivildienst später leisten würden, wenn sie arbeiten und auf Akademikerniveau verdienen, wäre der Erwerbsersatz ähnlich hoch), aber es kann zu absurden Situationen führen – ein Akademiker und ein Handwerker leisten am selben Ort Zivildienst, ersterer bekommt 6000 Fr. pro Monat, letzterer 3000 Fr., obwohl sie dieselbe Arbeit machen und der Handwerker vielleicht sogar besser zu gebrauchen ist.

Zusammengefasst: Es gibt einige wirtschaftlich seltsame Situationen, die durch den Zwang und die Art der Finanzierung entstehen können.

Seit die Gewissensprüfung abgeschafft ist, stieg die Anzahl der Zivis und der geleisteten Tage auf mehr als das Doppelte. Es ist nicht mehr so, dass die Einsatzplätze die Zivis weit übersteigen. Ursprünglich war der Zivildienst volkswirtschaftlich unbedeutend, es war eher eine Sonderlösung für eine Handvoll Leute, doch nun könnte er zu einer Grösse anwachsen, wo man sich mal überlegen muss: Wie beschäftigen wir die alle sinnvoll? Bei wachsenden Institution steigt die Gefahr, dass etwas aus dem Ruder läuft. Es braucht mehr Kontrolle, mehr Personal, mehr Vorschriften. – Diesen Weg kann man natürlich gehen. Und solange die Wehrpflicht besteht, muss auch der Zivildienst bestehen bleiben. Womit wir wieder beim Kernproblem angelangt sind: Der Zivildienst ist abhängig von der Armee. Nehmen wir an, die Armee braucht nur noch halb so viele Leute pro Jahr. Man wird einen Teil der Überflüssigen in die Untauglichkeit abschieben, einen Teil in den Zivilschutz und einen Teil in den Zivildienst. Der Zivildienst würde – wie der Zivilschutz heute schon – ein Überlaufbecken für die im der Armee nicht benötigten Wehrpflichtigen.

Wehrgerechtigkeit

Das bringt uns zur „Wehrgerechtigkeit“. Die Grundidee hinter dem Begriff ist nach meinem Verständnis, dass die Wehrpflicht alle gleich belasten soll – und nicht einigen Bürgern willkürlich grössere Pflichten aufgebürdet werden als anderen. Dieser Anspruch scheitert an der Realität, denn:

  • Frauen unterstehen nicht der Wehrpflicht.
  • Die Armee braucht viel weniger Leute, als wehrpflichtig sind. Mit der Verkleinerung wird sich dies noch verstärken. Dies führt dazu, dass es einfach ist, sich untauglich (nur fürs Militär oder gänzlich) schreiben zu lassen. Etwa ein Drittel der Wehrpflichtigen leistet den Militärdienst bis zum Ende (Quelle).

Dieser Zustand führt zu einem unwürdigen Gebastel, um den Schein aufrechtzuerhalten, dass alle gleichsam belastet werden. Zum Beispiel wurde der Wehrpflichtersatz-Mindestbetrag (vgl. Grafik) Anfang 2011 auf 400 Fr. verdoppelt – vielleicht, um Studenten davon abzuhalten, sich untauglich schreiben zu lassen, vielleicht, um die härter zu bestrafen, die sich drücken (obwohl die Armee eigentlich eh schon genug Leute hat).
Aber Wehrpflichtersatz bezahlen auch Männer, die nichts für ihre Untauglichkeit können – so zum Beispiel Diabetiker. Dies wurde schon vor drei Jahren vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte für unzulässig befunden. Eine Idee ist, noch einen weiteren Dienst einzurichten – weil es ja noch nicht genug kompliziert ist.

Bei dem ganzen Gebastel geht es wohlgemerkt nicht darum, Leute sinnvoll einzusetzen, denn Leute hat es eh zu viele – die schwappen dann vom Militär in einen Rattenschwanz an Auffangbecken, wo sie irgendwie beschäftigt werden müssen. Und aus dem EO-Topf entschädigt.

Der Zivilschutz scheint sich vor allem durch Leerlauf auszuzeichnen („eine Truppe mit kuriosem Eigenleben“, „Das schläfrige Wesen des Zivilschützers ist also bereits bei Tag ein Problem […]“)

Wir fassen zusammen: Um die Wehrpflicht möglichst gerecht umzusetzen, wird gebastelt, was das Zeug hält. Das Grundproblem ist, dass es zu viele Leute gibt, die nicht gebraucht werden, aber um der Gleichbehandlung willen irgendwie beschäftigt werden. Die Armee hat eine effiziente Organisation nicht nötig, sondern vernichtet Arbeitskraft mit sinnlosen Übungen, Wartenlassen und pyschologischen Spielchen; Der Zivilschutz ist grob überdimensioniert und niemand weiss, was die alle machen sollen; Der Zivildienst schwillt an und muss immer mehr Leute irgendwo unterbringen.
Etwa ein Drittel der Männer leistet den Militärdienst bis zum Schluss, also ein Sechstel der Staatsangehörigen.

Die Wehrgerechtigkeit ist eine Farce. Die Wehrpflicht zwingt uns, den Schwanz der Armeeratte aufrechtzuerhalten. Das ganze System ist inkonsistent (warum können z.B. Militärdienstuntaugliche nicht Zivildienst leisten, statt Wehrpflichtersatz zu bezahlen?).

Ergo: Weg mit der Wehrpflicht, Aufgaben der Armee (und Rattenschwanz) neu definieren – oder auch gleich weg damit

Dass die Wehrpflicht „allgemein“ oder „fair“ ist, ist also eine Selbstlüge. Nur ein Bruchteil der Schweizer Staatsangehörigen leisten Militärdienst. Der Bundesrat pflegt jedoch weiterhin den die Mythen um die Wehrpflicht.

Wehrpflicht ist in der EMRK explizit vom Verbot der Zwangsarbeit ausgenommen. Und doch braucht ein Staat eine sehr gute Rechtfertigung, um Bürger zu einer Arbeitsleistung zu zwingen. Die ist meines Erachtens nicht gegeben (Zum Schikanieren? Um disziplinierte Männer zu formen? Um über geteiltes Leid Freundschaften zu forcieren?). Ausserdem dürfte man die Selbstverständlichkeit, mit der wir Leute für den Krieg ausbilden, auch mal etwas kritischer beäugen. Der Nutzen der Wehrpflicht ist minim, und gleichzeitig steht sie der freien Entfaltung junger Leute im Wege (Flurin Jecker im Club auf SF1 „Wehrpflicht abschaffen?“ Min. 5).

Vereinzelt wird die Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht gefordert. Dahinter steht oft die Idee, dass man dadurch Gemeinschaft fördere, im Sinne von „die Leute zum Glück zwingen“. Ich will keinen solchen Staat. Ich will auch keinen Staat, in dem die Gemeinschaft allen egal ist. Aber ich bin überzeugt, dass Gemeinschaft nicht erzwungen werden kann.

Die meisten der Zivis, mit denen ich zu tun hatte, haben sich für die Dienstpflicht ausgesprochen. Vermutlich auch, weil man es persönlich als unfair empfindet, wenn andere nicht auch müssen, wo man doch selbst musste – „und das hat ja noch allen gut getan“, um einen saudoofen Spruch zu zitieren, der gerne von Leuten kommt, die keine bessere Argumente gegen Veränderungen haben (genau auf diese Haltung verlässt sich VBS-Chef Maurer bei der anstehenden Abstimmung über die Wehrpflicht – dass die von ihm vorgeschlagene Dienstpflicht auch für Frauen überhaupt EMRK-konform ist, darf übrigens bezweifelt werden). Da ist auch wieder diese Auffassung von Wehrpflicht als etwas, das einem als einzelnem Menschen passiert – eine gesamtgesellschaftliche Beurteilung schafft es aus dieser Perspektive gerade mal bis zu dem Gedanken, dass es fair wäre, wenn es den anderen gleich ergehen würde wie einem selbst. Aber eine grundsätzliche Betrachtung aus einer staatsbürgerlichen Perspektive (Welche Regelung wäre am sinnvollsten?), scheint den meisten nicht möglich (vielleicht ein Grund, warum Ratio bei der Wehrpflicht so schlecht verfängt).

Nehmen wir also an, die Wehrpflicht würde abgeschafft – wie geht es dann weiter mit der Armee? Meist wird über Milizarmee oder Berufsarmee gestritten. Viel entscheidender scheint mir aber, was der Auftrag dieser Armee wäre. Momentan hat die Armee verschiedene Aufträge, unter anderem (ich empfehle die Übersicht von Vimentis):

  • Verteidigung
  • Auslandeinsätze (Friedensförderung)
  • Katastrophenhilfe
  • Schutz von Grossanlässen
  • Botschaften bewachen
  • Luftraumüberwachung
  • In Klammern: Eine weitere Funktion, die ihr oft zugeschrieben wird, ist die Stärkung des Landeszusammenhaltes

Viele dieser Aufgaben muss nicht unbedingt über eine Armee organisiert werden – man könnte mehr Polizisten einsetzen für Einsätze im Innern, einen Zivilschutz, der den Namen verdient, für Katastrophenhilfe (Katastrophenhilfe ist ja schon heute eine Kooperation von verschiedenen Gruppen; die Armee ist einfach praktisch, weil immer ein paar Soldaten im Dienst sind und schnell verfügbar.), den Luftraum überwachen kann auch eine zivile Behörde und der Landeszusammenhalt – wie wär’s mit einem freiwilligen Zivildienst oder der einem Konzept, den Austausch über den Röstigraben während der Ausbildung mehr zu fördern?

Bleiben Verteidigung und Auslandeinsätze. Allein für Auslandseinsätze lohnt es sich kaum, eine Armee zu unterhalten. Und die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns verteidigen müssen, halte ich für sehr klein – und ob eine Armee dann viel ausrichten könnte, für fraglich. Warum also nicht gleich einen mutigen Schritt wagen – und nicht nur die Wehrpflicht abschaffen, sondern gleich die ganze Armee? Viel Sicherheit würden wir dadurch nicht einbüssen. Aber es wäre ein sehr starkes und positives Zeichen.

Evolution

(Bild: GSoA/Wehrpflichtinitiative)

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2 Antworten zu Zivildienst und Wehrpflicht

  1. Pingback: Dienstpflicht | Nichts ist klar.

  2. Berger schreibt:

    Eine akzeptable Situation ist die Dienstpflicht nicht:
    https://trendprinzip360.wordpress.com/zivilschutz_staatliche_zwangsarbeit

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