Unterschiedliche Lebenswelten

Ein relativ trivialer Gedanke, den ich notierenswert fand.

Kürzlich traf ich einen alten Bekannten, mit dem ich in die Primarschule ging. Unsere Leben gingen vor etwa zehn Jahren in eine andere Richtung: Er blieb auf dem Land, ich zog in die Stadt.

Er berichtete mir, dass er gerade einen eigenen Laden für Töffli, Roller und Motorräder aufziehe, und er versprühte dabei dieselbe Begeisterung wie früher, wenn er mir erzählte, was er im Altmetall gefunden hatte. Er benutzte noch immer diese originellen Wortkreationen (vor allem beim Fluchen) und kam mir ein bisschen naiv und offen für alles vor und ich wusste sofort wieder, warum ich ihn mochte, aber es dünkte mich unvorstellbar, dass wir jetzt Freunde würden, wenn wir uns nicht von früher gekannt hätten. Seine Welt schien mir Lichtjahre von meiner entfernt, obwohl sich der Mittelpunkt seines Lebens gerade mal etwa 15 km entfernt von mir befindet und er am gleichen Tisch in der gleichen Beiz sass.

Ich erzählte ihm, ich studiere Sprachwissenschaften. Für ihn sei schon das Getue um Verben und Fälle in der Schule eine Tortur gewesen, meinte er – mir war klar, wie absurd es ihm erscheinen musste, dass ich mich mit Nebensilbenabschwächung, Ergativsprachen und Ähnlichem beschäftige. Und dann natürlich die Verwunderung über geistenwissenschaftliche Karriereplanung („Und dann wirst du Lehrer?“ – „Tjaa nein, also…“).

Es geht mir nicht um ihn und mich, Stadt vs. Land, studiert/unstudiert, Nostalgie, Moral oder Politik. Sondern um diese Beobachtung: Ich treffe nicht oft Leute, deren Leben so weit weg von meinem stattfindet. Und wenn, dann habe ich nicht diesen persönlichen Bezug zu ihnen. Sein Leben findet ausserhalb meiner Wahrnehmungsgrenze statt. Es verläuft parallel zu meinem, manchmal geht er in dieselben Lokale (wie das, wo wir uns zufällig trafen), aber es spielt sich in einer anderen Welt ab. Was für mich Vergangenheit und „fremdes Land“ ist, ist für ihn immer noch Realität und Heimat.

Die Leben, die sich zwei Häuser weiter abspielen, können fremder sein als manche am anderen Ende der Welt. Die Menschen, die er kennt, sind für mich die seltsamen Gestalten mit den krass anderen Vorstellungen, die man bei so schönen Anlässen wie Verkehrskundeunterricht für den Führerschein oder der Aushebung fürs Militär antrifft. Die Menschen, die ich kenne, sind für ihn pseudointellektuelle alternative Spinner und das, womit sie sich beschäftigen, kurios.

Man lebt nicht in einem Land, sondern in einem Milieu, sagte einmal jemand in meiner Anwesenheit. Die Formulierung gefällt mir. Man weiss das ja, aber man ist es sich oft nicht bewusst, wohl deshalb, weil die meisten Menschen, mit denen man zu tun hat und vor allem diejenigen, denen man nahe ist, ähnliche Leben leben wie man selbst. Man ist so fokussiert auf die eigenen Leute, Uni und/oder Job, die eigenen Interessen, will auf der Höhe bleiben, dass man kaum je daran denkt, dass das nur ein mögliches Leben ist. Dass sich unsere zwei Leben an diesem Abend zufällig kreuzten, machte mir das wieder einmal bewusst.

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