Dienstpflicht

Alle Männer dazu zu zwingen, Krieg zu lernen, ist das eine. Da kann man daran aussetzen, ich wiederhole mich, 1. Krieg scheisse; 2. Armee in der momentanen Form schlecht organisiert; 3. Pflichtarbeit = Freiheitsberaubung; 4. volkswirtschaftlicher Blödsinn (und noch ein paar weitere Dinge).

Nun kommen ganz Schlaue mit dem Vorschlag, man solle doch eine Dienstpflicht für Männer und Frauen einführen, weil etwas Sinnvolles tun noch niemandem geschadet habe.

Daran kann man (1) und (2) nicht mehr aussetzen, (3) und (4) aber sehr wohl. Warum in aller Welt sollte man z.B. Ärztinnen oder Handwerker aus ihrem Beruf reissen und sie zwingen, etwas Sinnvolles zu tun? Tun sie denn nicht schon die ganze Zeit etwas Sinnvolles?

Wäre es einem freiheitlichen Staat, der so gar nichts mit kubanischen Arbeitslagern zu tun haben will, nicht angemessener, einen freiwilligen Dienst für ein halbes Jahr auszuschreiben, wo diejenigen sich engagieren können, die Zeit haben? Die Entlöhnung dürfte auch z.B. für StudentInnen einen Anreiz darstellen (z.B. 4000 Fr./Monat) – hingegen müsste man nicht mehr wie jetzt mit dem EO die Löhne von zum Dienst gezwungenen Lehrern oder Ingenieuren decken.

Überhaupt, was ist das für eine Vorstellung, dass nur Sinnvoll ist, was nicht bezahlt ist? Das hiesse ja, bezahlte Arbeit ist per se nicht sinnvoll. Wenn man aber solches denkt, oder auch nur, dass gewisse Arbeiten gemacht werden sollten, aber ohne Zwang nicht gemacht werden, warum überlegen wir uns dann nicht mal, wie man die Arbeitswelt gestalten sollte, damit diese Arbeiten verrichtet werden?

Wir haben zu verrichtende Arbeit, wir haben Arbeitskraft und das Steuerinstrument Geld. Da muss es doch möglich sein, auch den Arbeiten ohne Rendite Arbeitskraft zuzuführen, wenn wir uns einig sind, dass sie jemand machen muss! (Genau dies geschieht ja schon prominent in der Landwirtschaft.)

Den Zwangsarbeit-Beigeschmack mal beiseite gelassen, ist es sowieso eine Illusion, dass es billiger kommt, jemanden mit einer Dienstpflicht zu nicht rentablen Arbeiten zu verknurren, weil 1. vgl. Ausführungen zu EO oben 2. alle brauchen zu jedem Zeitpunkt Geld zum leben, Gratisarbeit kann sich nur leisten, wer Geld von anderswo bekommt – da wäre es ehrlicher, auch unrentable Arbeit angemessen zu entlöhnen und 3. ist, wer etwas nicht aus Zwang tut, motivierter.

Was ist das für eine Sicht auf die Gesellschaft, die alle faule Hunde sind (einen selbst ausgenommen natürlich) und deshalb gezwungen werden müssen? Aber aus der (wohl falschen, ohne unentlöhnte Care-Arbeit würde unser Wirtschaftssystem so wohl gar nicht funktionieren) Diagnose, dass niemand etwas für die Gemeinschaft mache, den Schluss zu ziehen, man müsse Leute zu gemeinnütziger Arbeit zwingen, ist doch ein Selbstbetrug. Gesellschaftssinn kann man nicht erzwingen. Man könnte es ja auch auf die positive Art versuchen, mit Ermutigung statt Zwang: Die Einstiegshürden senken, Einsätze vermitteln an Interessierte, an SchülerInnen und an Arbeitslose, die Wichtigkeit von Engagement der BürgerInnen für den Staat herausheben und den Sinn. Und für längere Einsätze richtig bezahlen.

Und was offenbart es für ein Staatsverständnis, dem Staat aufzutragen, Leute zu zwingen? Der Staat nicht als Institution, über die wir die möglichst grosse Freiheit von allen organisieren, sondern als fremde Macht, an die wir (die Gesellschaft) es delegieren, die Gesellschaft (also die faulen Hunde) Zwängen zu unterwerfen. Freiheit und Glück erzwingen, ein toller Plan!

Und übrigens, Militär, Zivildienst und Zivilschutz fällt es schon jetzt nicht leicht, die ganzen Leute irgendwie zu beschäftigen. Was sollen die denn mit zusätzlichen tausenden Frauen anfangen?

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