Schweizkaputt

Da ist etwas kaputt gegangen oder es ist gerade daran, kauptt zu gehen. Eine Lagebeschreibung. (Kein mitfühlendes Kopfnicken bitte. Ich versuche es dafür auch einmal ohne Sarkasmus.)

Zum Beispiel: Gericht weist Italiener der dritten Generation aus – und in der Kommentarspalte wird applaudiert. Menschen, deren Eltern schon in der Schweiz aufgewachsen sind, auf ihre Staatszugehörigkeit zu behaften, ist Nationalismus schlimmster Sorte. Wenn die Schweiz so toll ist, wie alle tun, muss sie in der Lage sein, auch mit solchen Idioten umzugehen.

Aber um nüchterne Analysen geht es längst nicht mehr; Es geht um Gefühle, Ängste («muss man ernst nehmen»™) und Identität, um Abneigungen gegen Institutionen und deren ExponentInnen – alles Projektionen, die von einem steinreichen Demagogen salonfähig gemacht wurden. Und hier sind wir nun. Warum glauben wir in einem Land, wo es einem so scheissgut geht und die nicht zu verneinenden Reibungseffekte der Immigration sich in Grenzen halten, dass Immigration ein riesiges Problem ist?

Oder: FDP-Präsident stört sich an telefonierenden Schwarzen: Der Schaffhauser FDP-Präsident postete laut diesem Artikel auf Facebook: „Dabei fallen mir die vielen stundenlang (nicht übertrieben!) telefonierenden dunkelhäutigen Bahnreisenden auf – oft mit besseren Telefonen als meinem. Warum komme ich mir ausgenutzt vor?“. In der Folge wird „dunkelhäutig“ implizit mit „Flüchtling“ gleichgesetzt (wobei ich nicht beurteilen kann, wie akkurat der Blick den Kontext wiedergibt). Das ist rassistisch. Und wenn man das heute in der Schweiz sagt (und, ja, es zurücknehmen muss), wird in den Kommentarspalten wiederum applaudiert: „Er hat doch recht!“ – Der erste angezeigte vernünftige Kommentar („Ist mir auch aufgefallen. Schwarze telefonieren stundenlang und laut. Aber auch Geschäftsleute, Teenies, Politiker, Secondos, Banker, Italiener, Hausfrauen, Araber, Senioren.“) hat zehnmal weniger Likes als die, die pauschal verurteilen und alles Übel in der Anwesenheit von Menschen anderer Herkunft sehen.

Und dann war da noch Hedi Wyler. Ein Kommentar auf die KommentatorInnen. Was auf der einen Seite genau so übel ist, weil so ein Bullshit gar nicht mehr übermässig heraussticht unter der Kommentatoria, auf der anderen Seite so wunderbar schön subversiv (bin ich also doch wieder beim Sarkasmus angelangt). Die WOZ brachte ein Porträt. Darin ist ein weiteres Beispiel für menschenverachtenden Bullshit, der in den Mainstream hineinwabert:

Als beispielsweise im Herbst 2013 ein Flüchtlingsschiff vor Lampedusa versank und knapp 300 Menschen starben, ergoss sich ein Schwall von Hass und Zynismus über die Schweizer Newsportale. Beim «Tages-Anzeiger» wurde die Kommentarspalte «kurzzeitig deaktiviert, weil überwiegend rassistische und ehrverletzende Kommentare» abgegeben wurden. «Die Leserstatements waren derart menschenverachtend, dass einige Newsportale die Kommentarfunktion sperren mussten», schrieb später eine Redaktorin.

Common sense, where art thou? Menschlichkeit, Mitgefühl, Gerechtigkeitsgefühl, anyone? Die Art von Diskurs, die dieser Tage immer normaler wird, ist grotesk und abscheulich. Dass es fängs einigermassen normal ist, so zu reden, dreht mir den Magen um.

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